Konfliktpotenzial im "Energie-Dreieck" Zypern, Israel und Türkei

21. März 2013, 19:02
posten

Mit der Entdeckung mutmaßlich reicher Erdgas- und Erdöl-Lagerstätten im Levante-Becken wird sich die geopolitische Lage in der Region radikal ändern. Gleichzeitig erhöht sich die Kriegsgefahr.

Sie tragen klingende Namen: Tamar, Dalit, Leviathan oder eben Aphrodite. Diesmal allerdings soll nicht wie einst eine schaumgeborene Schönheit aus dem Mittelmeer steigen, diesmal gilt die Begierde dem schnöden Mammon. In Form von Erdgas soll dieser aus den Förderblöcken im Levante-Becken kommen. Und mit ihm das, was die Amerikaner einen strategischen "Game Changer" nennen - einen Wendepunkt, der das geopolitische Spiel im östlichen Mittelmeer auf Jahrzehnte hinaus verändern wird.

Die vor wenigen Jahren entdeckten riesigen Erdgas- und Erdölvorkommen dort verändern die Region so wie die Schiefergasförderung derzeit die USA. Vor allem Israel will sich damit energieautarker machen. Noch bis vor kurzem war das Land von Gasimporten aus Ägypten abhängig. 40 Prozent des Stromes erzeugten die Israelis aus Erdgas, dessen Verbrauch wiederum zu 40 Prozent aus dem Nachbarland kam. Nach dem Fall Hosni Mubaraks 2011 kam es immer wieder zu Anschlägen auf die Arab Gas Pipeline nach Israel. Vergangenes Jahr kündigte Kairo den Gasliefervertrag mit Jerusalem.

Leviathan-Feld

Auf diese Importe dürfte Israel allerdings bald nicht mehr angewiesen sein, denn allein im Leviathan-Feld, 130 Kilometer, und im Tamar-Feld, 80 Kilometer vor Haifa sollen 730 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Wert von rund 200 Milliarden Euro unter der Wasseroberfläche liegen. Israel könnte damit laut Schätzungen 150 Jahre lang versorgt werden. Im Aphrodite-Feld (oder Block 12) auf der zyprischen Seite sind es noch einmal bis zu 250 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Dazu kommt ein Tiefsee-Ölpotenzial von an die vier Milliarden Barrel Erdöl.

Das Tamar-Feld soll bereits heuer mit der Produktion beginnen, die anderen Blöcke bis 2015 folgen. Mit erneuerbaren Energien (Sonne), Kohle aus Südafrika und Öl aus Norwegen und Großbritannien wäre Israel de facto durch arabische Energieboykotte nicht mehr angreifbar.

Alte Feinde, neue Allianzen

Wäre. Denn auf diesem Weg gibt es noch einige Unwägbarkeiten. Zum einen ist die Seegrenze zwischen dem Libanon und Israel noch immer nicht gezogen. Die Israelis haben zuletzt eine für sie günstigen Verlauf in der Knesset beschlossen und der Uno zur Prüfung vorgelegt, die Libanesen halten sich an die Seerechtskonvention. Dazu würden israelische Förderanlagen jedenfalls in Reichweite von Hisbollah-Raketen liegen. Kompromisse wollen beide Seite angesichts des Gasbonanza nicht machen, Experten schließen auch einen bewaffneten Konflikt nicht aus.

Das langjährige Bündnis zwischen der Türkei und Israel ging indes auch wegen der Energiefrage in die Brüche. Weil sich die Israelis mit der Republik Zypern akkordierten, pochen die Türken auf den Anteil Nordzyperns und damit Ankaras an den Gasreserven. Auch die Türken würden kaum zögern, Kriegsschiffe im "Energie-Dreieck" zwischen Israel, Zypern und der Türkei aufkreuzen zu lassen. Gegen die Vergabe von Probebohrungen und Förderlizenzen durch Nikosia sprach sich Ankara zu Beginn des Jahres bereits vehement aus. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 22.3.2013)


Rechtlich schwere See

Rechtlich betrachtet ist das Ostmittelmeer schwere See: Israel, Zypern, Türkei und der Libanon stellen Territorialansprüche in der Region. Der Libanon unterhält keine diplomatischen Beziehungen zu Israel, die Türkei erkennt die Republik Zypern nicht an, diese wiederum (mitsamt der EU) nicht Nordzypern.

  • Seerecht Die UN-Seerechtskonvention (Unclos, 1982) regelt unter anderem die Grenzziehung auf See. Libanon und Zypern sind dieser beigetreten, Israel und die Türkei nicht. Daraus ergeben sich verschiedene Grenzziehungen durch Israel und Libanon.
  • Wirtschaftszonen Laut Unclos liegen die meisten Gasfelder innerhalb der Wirtschaftszonen Israels und Zyperns.
  • Türkei Ankara ist der Ansicht, dass ein Teil des Wohlstands durch Gas auch den Nordzyprern gebührt.
  • Libanon Beirut argumentiert, dass Israel internationales Recht breche, weil es ohne Grenzziehung mit der Förderung begonnen hat. Zuletzt gab es einen US-Kompromissvorschlag, die Uno prüft.
  • Einer der Anschläge auf die Arab Gas Pipeline im vergangenen Jahr im ägyptischen El Arish.
    foto: ap/file

    Einer der Anschläge auf die Arab Gas Pipeline im vergangenen Jahr im ägyptischen El Arish.

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.