Ich oder schon ein anderer?

22. März 2013, 18:14
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König ist der Autor, Hofnarr der Interpret: Andrea Winklers "Einbildungsroman" erzählt vom Institut für Gedankenkunde

"Kennen Sie die Geschichte vom König, dem der Hofnarr befiehlt, sich einen Knopf in sein Taschentuch zu binden, damit er sich an sein Volk erinnere?" Die Geschichte trägt sich in Georg Büchners Lustspiel Leonce und Lena zu, nur ein bisschen anders: König Peter muss seinen Kammerdiener fragen, warum er sich einen Knopf ins Taschentuch gebunden hat; er hat nämlich vergessen, dass er sich daran erinnern wollte, sich an sein Volk zu erinnern.

Die falsch gestellte Frage hingegen formuliert Professor Icks in Andrea Winklers neuem Prosaband König, Hofnarr und Volk. Er lehrt am Institut für Gedankenkunde und Verstehen, wo Lina Lorbeer studiert - die Protagonistin, die Andrea Winklers Einbildungsroman konstituiert.

Der ironische Untertitel drückt aus, dass dieses Institut eine Scheinwelt ist, ein selbstreferenzielles System, dessen Kenntnisse niemand braucht; nur die Existenz des Instituts an sich ist wichtig. Oder, wie Frau Professor Stein formuliert: "dass jeder, der hier beschäftigt ist, immer ein gewisses Ansehen genießen wird, und zwar aus dem einfachen Grund, weil er hier beschäftigt ist".

Das Wichtigste, was man am Institut erreichen kann, ist: selbst einen Schreibtisch zu erobern - oder gar ein Zimmer (auch wenn es am Anfang, so viel Hierarchie muss sein, im Keller liegt). Lina Lorbeers Kollege Justin bringt es auf den Punkt: "Professor Stein hat uns zu sagen vergessen, dass Denken und Deuten eben auch ein Fest-auf-einem-Sessel-Sitzen bedeuten, und am besten hier in diesem Haus, am Institut für Gedankenkunde und Verstehen."

Ohne Aussicht auf einen Sessel in einem Büro, sagt Frau Professor Stein, hat es keinen Sinn, "sich abzumühen mit dem vielen Denken hier, Kopfschmerzen und Albträume hinzunehmen". An diesem Institut kann und muss man entscheiden, welche Rolle man einnehmen will: Will man der König, der Hofnarr oder das Volk sein.

König is t der Autor, Hofnarr der Interpret und Moderator, und die Rolle des Volkes kommt dem Publikum zu, könnte man auf einer ersten Ebene sagen. Doch Andrea Winklers Prosa lässt sich nicht auf eine Parodie des Universitäts- und Literaturbetriebs reduzieren, auch wenn diese ins Mark trifft.

Denn der martialische Hörsaal-Satz von Professor Icks "Nichts in der Welt hat keinen Sinn, und was partout keinen freigibt, dem werden Sie einen abzulauschen lernen" legt einen Mechanismus bloß: Wer zu einem Kolonialisten des Sinns trainiert werden soll, der muss zuerst selbst einen Kolonialisierungsprozess durchlaufen - in Gang gesetzt von Ausbildnern, die ihrerseits kolonialisiert worden sind: Über den Schreibtisch von Frau Professor Stein "wölbt sich ein Stapel fremder Gedankengänge" - sie nennt diese Büchertürme "mein Babel". Und wenn man sich selbst nicht mehr unterscheiden kann von all den fremden Gedanken, dann ist der große Augenblick gekommen, ab dem man in der Lage ist zu sprechen, ohne zu zögern.

Georg Büchner ist immer wieder präsent in Andrea Winklers neuer Prosa - nicht nur wenn Lina Lorbeer wie König Peter "nicht mehr weiß, ob ich noch ich oder schon ein anderer bin". Auch das Motto aus Woyzeck ist dem Buch nicht nur vorangestellt, sondern arbeitet in ihm bis zum Schluss, wenn Lina Lorbeer ihre Abschlussarbeit darüber schreibt.

Genauso gegenwärtig ist Robert Walsers Gedicht Wie immer, das zwar nie als Ganzes erscheint, aber in Fragmenten durch den Text echot. Märchen sind ein anderer Strom, der ihn durchpulst - etwa wenn Frau Professor Stein als böse 13. Fee erscheint, die zu irgendeinem Fest nicht eingeladen wurde. Oder in den immer wieder auftauchenden Figuren des Mundschenks und der Eistänzerin.

Aber da sind auch die Erinnerungen an die Kindheit, an die Freundin Agnes und die Schaukel im Garten. Und Linas Briefe an den geliebten Jakob, die viele der 25 Kapitel beschließen. Und die Träume. Denn hier stimmt die Diagnose von Professor Stein: Lina ist "eine geradezu fortgeschrittene Träumerin". In einem zentralen Kapitel träumt sie sich in einen Kerker - als Mundschenk, der sich am König vergangen hat.

Dem folgt eine Tagebuch-Passage, in der König Peter aus Leonce und Lena, der König aus dem Mundschenk-Märchen und Professor Icks ineinander verschwimmen und Fragen über Fragen gestellt werden. In diesem Satz-Gestöber klingen die schönsten Töne von Andrea Winklers Prosa-Musik an. Ja, auch wenn ihr jüngstes Buch einen deutlicher erkennbaren Handlungsverlauf aufweist als frühere Arbeiten: Sie schafft keine Identifikationsfiguren, in die man beim Lesen hineinkippt, sondern Sätze, die in einem arbeiten, vibrieren und nachklingen - und einen zu sich kommen lassen.

In Lina Lorbeers Dialogen mit Figuren, Gegenständen oder Zitaten wird man unweigerlich involviert. Und wie nebenbei hat sie auch noch ein Karrieren-Kriterium parat. Lina Lorbeer möchte nichts werden. "Nicht ein Nichts, sondern nichts, ich habe, mit Verlaub, den Unterschied kennengelernt." Aber vor allem will sie wie in der Kindheit weit aufs Eis hinausfahren und "den Eiston hören".   (Cornelius Hell, Album, DER STANDARD, 23./24.3.2013)

Andrea Winkler, "König, Hofnarr und Volk". € 19,50 / 190 Seiten. Zsolnay, Wien 2013

  • Artikelbild
    foto: apa / kurt hoerbst
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