"Wir werden plattgemacht"

Interview | Karin Bauer
22. März 2013, 17:30
  • Burnout ist keine Modediagnose, sondern Folge weiter steigenden Drucks und ungeduldigen Kapitals: Joachim Bauer.
    foto: privat

    Burnout ist keine Modediagnose, sondern Folge weiter steigenden Drucks und ungeduldigen Kapitals: Joachim Bauer.

Arbeit als Diktat, das uns "ruiniert", keine Zeit für die Entwicklung guter Führung: Hirnforscher Joachim Bauer sagt

STANDARD: Persönliche Anerkennung und Wertschätzung aktivieren die neurobiologischen Motivationssysteme. So viel ist aus der Hirnforschung bewiesen, diese (auch) Ihre Arbeit hat mittlerweile auch Fixplätze im Seminar- und Weiterbildungsangebot. Warum läuft trotzdem so viel in die gegenteilige Richtung?

Bauer: Wir erleben seit 20 Jahren einen Prozess, den Richard Sennett als "neuen Kapitalismus" bezeichnet, den Druck auf Unternehmen, die Politik der steigenden Kurse und immerfort steigende Gewinne zu machen. Dadurch sind Instabilität und Umstrukturierungen zu einem Selbstwert geworden. Permanente Unruhe gilt da als Qualitätsmerkmal inklusive Personalwechsel. Da hat gute Führung gar keine Zeit mehr, sich auszubilden.

STANDARD: Wie sähe sie aus?

Bauer: Um Potenziale auszuschöpfen, muss zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten eine produktive Resonanz in Gang kommen, für deren Gelingen unser Gehirn die Spiegelnervenzellen bereithält. Führungspersonen sollten starke Resonanz-Empfänger sein, um die innere Position ihrer Mitarbeiter ein Stück weit intuitiv zu erfassen und zu begreifen - nicht um sie in Watte zu packen, sondern um die Mitarbeiter auch zu erreichen. Und sie sollten auch starke Sender-Eigenschaften haben: Manager können durch ihr Auftreten Mitarbeiter intuitiv veranlassen, die innere Position der Führungsperson, vor allem deren Erwartungen und Visionen, zu erfassen und zu übernehmen.

STANDARD: Mit Unehrlichkeit und bloßer "Performance" bleibt statt positiver Resonanz lediglich Misstrauen, weil gefühlt wird, dass es nicht stimmt?

Bauer: Natürlich. Auch Fairness ist kein Fantasiekonstrukt irgendwelcher Gutmenschen, sondern ein neurobiologisch verankertes Prinzip des zwischenmenschlichen Umgangs. Erlebte Unfairness ergibt Widerstand, Passivität, Verweigerung. Besonders gefährlich sind Führungsstile, die als ausgrenzend und demütigend wahrgenommen werden: Vom Gehirn können sie als willkürlich zugefügter körperlicher Schmerz wahrgenommen werden und zu Reaktionen wie Aggressivität oder Sabotage führen.

STANDARD: Das Erleben unfairer Arbeitsbedingungen hat sich verstärkt. Lässt sich Burnout damit in Zusammenhang bringen?

Bauer: Als Folge des enormen Profit- und Spardrucks bestimmt. Und ja, das Kapital ist noch ungeduldiger geworden, es geht um schnellen Erfolg, die Folgen sind Arbeitsverdichtung, Fragmentierung, permanente Erreichbarkeit, das hat sich verschärft. Arbeit ist zu einem Diktat geworden, das uns auch gesundheitlich ruiniert. Und auch die Generation nach uns. Der Druck nimmt weiter zu.

STANDARD: Kaum jemals bewerten Sie in Ihren Büchern, Sie nehmen sich auch emotional sehr zurück, trotzdem: Was schmerzt Sie in diesem Zusammenhang?

Bauer: Mich bedrückt, dass Arbeit alles ausfüllt, wir kaum Zeit für Kinder, für Familie haben. Dass wir unter ständig steigendem Leistungsdruck immer weniger Freude erleben, Muße, Geselligkeit. Mich bedrückt, dass wir plattgemacht werden.

STANDARD: Der Ausweg?

Bauer: Wir brauchen eine neue Solidarnosc, wir müssen uns wehren, uns stärker miteinander engagieren, gesellschaftlichen Diskurs zum Diktat der Arbeit verlangen. (Karin Bauer, DER STANDARD, 23./24.3.2013)

Joachim Bauer ist Hirnforscher, Arzt, Psychotherapeut, vielfach ausgezeichneter Bestsellerautor und lehrt an der Uni Freiburg. Er ist Eröffnungsredner bei der Aha-Konferenz in Wien am 12. April.

Link

Aha-Konferenz

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Weicheier, nehmt euch ein Beispiel am Chineser:

"albeitet flöhlich, ohne mullen und knullen"!

So nebenbei würde mich ja interessieren, warum hier gleich reihenweise Kommentare entfernt wurden?!?

Scheint in letzter Zeit immer häufiger vorzukommen, dass ganze Threads einfach aus den Foren entfernt werden. Was soll das?

Da haben Sie recht. Meine Antwort auf O5 ist zusammen mit seinem Post kommentarlos verschwunden.

opfer, überall opfer

selbst im land der frühpensionisten.
erschütternd.

da haben Sie, ja auch den richtigen Nick.

husch, husch, an die arbeit! zeit ist geld! keine zeit zum posten verschwenden!

Das Kapital ist noch ungeduldiger geworden, es geht um schnellen Erfolg... Arbeit ist zu einem Diktat geworden... Gene, sind "eine Klaviatur, auf der das Leben spielt". Wir brauchen eine neue Solidarnosc, wir können uns wehren, ...

Nichts ist
im Menschen,
auch im scheinbar aufgeklärtesten,
fester verwurzelt als der Glaube
an irgendwelche Autoritäten - Egon Friedell, (1878 - 1938)

Trifft ein Schaf einen Rasenmäher,
sagt das Schaf: >>MÄHH<<
Sagt darauf der Rasennäher:
>>Tu hast mir gar nichts zu befehlen!<<

"Wir sind, was wir denken.
Alles was wir sind,
entsteht mit unseren Gedanken.
Mit unseren Gedanken machen wir die Welt." (Buddha)

Mit unseren Gedanken machen wir die Welt (Buddha)

Und so sieht sie auch aus.!!!

Sehr schön so viel Wahres und Deutliches zu lesen.

Der Hirnforscher identifiziert das Kapital als zwischenmenschliches Problem!?

Dass es zum Teil diese Phänomene in Unternehmen gibt steht außer Zweifel. Auch, dass es den Menschen dann nicht gut geht, meist allem Betroffenen, das ist sehr verständlich. Auch die negativen Einflüsse auf die Unternehmen sind vorhanden und können von vielen Menschen auch nachvollzogen werden.

Es bleibt aber so, dass es ein Problem zischen Menschen ist. Dafür kann man nicht die Maschinen (da Kapital), die Schulden (das Fremdkapital) zur Verantwortung ziehen. Es sind die Menschen im Unternehmen, welche zusammen nicht können.

Könnte es sein, dass dieser Zustand ausdrücklich gewollt ist???

unternehmen sind paramilitärisch organisiert

z.b.: chief executive officer. wörtlich übersetzt: oberster ausführender offizier - oder eben firmenchef.
"si vis pacem para bellum" - "wenn du frieden willst, bereite dich auf den krieg vor". nach diesem lateinischen leitspruch scheint sich das moderne unternehmertum zu richten. für die sklavenhaltenden römer, die kriege führen mussten um den nachschub an sklaven zu sichern und somit ihr imperium zu erhalten, hat dieser leitsatz gestimmt - nicht aber für die menschen der postmoderne mit ihrer arbeitsethik. diese denkweise macht ein echtes miteinander der menschen nahezu unmöglich und bereitet den boden für künftige kriege. wir müssen uns von dieser buchstäblich antiken denkweise lösen, wenn wir aus dem jammertal der gewalt entkommen wollen

Sie müssen sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben!

Die interneren Zusammenspiele in Unternehmen als kriegerische Handlungen zu beschrieben, das kann nur schwer neurotisch sein.

Ich habe das Berufsleben ganz anders kennen gelernt, habe es auch ganz anders im eigenen Unternehmen. Wir sind zueinander so sozial, dass wir uns immer gegenseitig helfen. Das gilt auch dann, wenn es klare Organisationen ist deren Aufgabenbereichen gibt.

schön für sie, dass sie offenbar ohne selektion auskommen

die regel sieht aber anders aus

ich habe sowohl beim Staat als auch privat gute und schlechte Erfahrungen gemacht

Privat halten manche Chefs den Druck nicht aus, wenn das Geschäft das erste Mal richtig schlecht geht, Leute kündigen zu müssen. Sie wollen keinen kündigen und werden dann sehr cholerisch.

Allerdings überwiegen, die guten privat

arbeit wird mehr und mehr zum anachronismus

für den überwiegenden teil der angeblich zu erledigenden aufgaben bräuchte man heute keine menschen mehr. jobs dienen mit ihren routinen folglich fast nurmehr dem erhalt der macht des kapitals, das auf konsum von (überwiegend unnötigen) waren und dienstleistungen angewiesen ist. es wäre interessant zu sehen, wie sehr der konsum im falle einer fast vollständigen automation als ersatzbefriedigung (für menschliche nähe und anerkennung) an reiz verlöre.

Das stimmt so auch nicht!

Die Maschinen müssen konzipiert werden, müssen gebaut werden, müssen gewartet werden, müssen nachgefüllt werden, müssen kontrolliert werden.

Maschinen helfen den Menschen sich selber gut zu versorgen, sind niemals Ersatzbefriedigung und auch der Konsum ist schon lange keine Ersatzbefriedigung mehr. Wäre der Konsum nur Ersatzbefriedigung, dann würde es doch keine manifest arme Menschen geben. Ö hat aber mehr als 1/2 Mio. Die Maschinen sollten mehr angeworfen werden!

bitte lesen sie genau

dann werden sie die wörter "überwiegend" und "fast nurmehr/vollständig" in meinem posting wahrnehmen können...

Betrachte die Arbeit nicht als Last,

danke dem Herrgott, dass du sie hast!

bitte zum schluß immer die ironie auf "off",

sonst brauchts unnötig strom

Du dürftest ein paar grundlegende Dinge nicht verstanden haben. Viel zu arbeiten muss nicht grundsätzlich ein Problem darstellen. Aber wenn ich vor lauter Arbeit keine Zeit für meinen Partner und meine Kinder mehr habe und die Familie zerfällt, wofür habe ich dann gearbeitet. Und noch dazu bin ich Teil einer Produktion, deren Produkte niemand wirklich braucht, die nur Müll produzieren. Und ich hackle, damit ich mir genau diesen Müll wiederum kaufen kann. Und so etwas kann nur zu einer modernen Form der Schizophränie führen, dem Burn Out.

Da es bereits viele Arbeitnehmer gibt, die Überstunden gratis ableisten um ihren Job zu behalten, weiß ich nun auch warum es die Redewendung "Vergelt's Gott" gibt.

als grundhaltung gegenüber der arbeit sollte immer noch gelten....

...wir arbeiten um zu leben und leben nicht um zu arbeiten. dann geht´s ganz gut mit der arbeit.

nette Ansichten

alle altbekannt, aber anscheinend muss man immer warten, bis ein legitimer Sprecher sie wieder ausspricht. Besser spät als nie und für die Junggeborenen zweifellos neu.
Der neoliberal turn hat viel zu vielen Leuten den Verstand geraubt. Nicht zuletzt dem ganzen Stand der Seelen-Bearbeiter, der der Selbstoptimierungsideologie teilweise eifrig aufsitzt und sich in ein neues Heilsgeschehen involviert sieht.

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