Virtuelle Küsschen und Sex-Clips

23. März 2013, 09:00
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Reden über Sex in der Jugendeinrichtung: Manchmal bleibe ich sprachlos

Wie viel ist dran an der "Generation Porno"? Das haben sich wohl schon viele Pädagogen und Erzieher gefragt. Die "Pornographisierung der Gesellschaft" ist im vollen Gange: Die Konsumenten werden immer jünger, das Bild über Sexualität wirkt verzerrt, vor allem dann, wenn Frauen übersexualisiert dargestellt werden. Soweit die Kürzestzusammenfassung der medialen Darstellung der angeblich "emotional verwahrlosten" Jugendlichen von heute.  

In der Praxis mache ich ähnliche Erfahrungen. Es ist später Nachmittag in der Jugendeinrichtung. Auch sehr viele Kinder aus der Umgebung verbringen hier ihre Freizeit. Ein 11-jähriger Junge, ich nenne ihn an dieser Stelle "A.", zeigt mir ein paar Fotos auf seinem teuren Smartphone: Zu sehen ist ein so genannter "Selfshot" eines jungen Mädchens. "Das ist meine Freundin", erklärt mir A. voller Stolz. Er ist mit ihr auf Facebook befreundet. Danach zeigt er mir andere Mädchen. Im Chat, wo er gleichzeitig mit mehreren zu schreiben beginnt, schickt er ihnen kleine, rote Herzchen und virtuelle Küsschen. Sie erwidern.

Gleich daneben, steht sein zwei Jahre älterer Kompagnon, den ich M. nenne. Wir reden oft miteinander. Manchmal wirkt M. sehr neugierig und fängt an spontan Fragen zu stellen: "Kann ich zu einer Prostituierten gehen?“, will er diesmal von mir wissen. M. erzählt mir, dass er vor kurzem seine ersten Samenergüsse gehabt hat, nun möchte er "richtigen Sex“ erleben. Ich erkläre ihm alles, was ich über das "Sexgeschäft“ weiß, versuche ihn aufzuklären. Was muss passiert sein, dass ein aufgeweckter Junge, wie er, in diesem Alter, auf so ein Thema zu sprechen kommt?

Die Antwort liegt vielleicht auch in der Zugänglichkeit der Pornographie im Internet. Ein andermal erzählt mir M., dass er sich regelmäßig Pornoclips im Netz ansieht. Fast jeden Abend. Immer dann, wenn seine Großeltern schlafen und er sich in Sicherheit wägt. Die Wohnung in der sie leben, ist sehr klein, die Wände sehr hellhörig. Er reagiert gereizt, als ich versuche, ihn mit ernsten Argumenten zu erreichen. "Jeder macht es, sogar die 11-Jährigen, schau dir A. an!", versucht er sich mir zu erklären.

Aber er hat Recht: Viele Kinder in seinem Alter, aber auch weit darunter, sehen sich online Sexfilme an. Ich bekomme es oft vom Hörensagen mit. Für manche ist es bereits gang und gäbe, noch bevor sie den ersten Kuss gehabt haben. Die Pornofilm-Sichtweise findet bei einigen eben auch im Denken und Reden ihren Ausdruck. "Wie ist es, wenn man ein Mädchen so richtig schnell fickt?“, fragt mich M. ein andermal. Ich bleibe sprachlos. (red, daStandard.at, 22.3.2013)

Der Autor ist Mitarbeiter einer Jugendbetreuungseinrichtung. Er möchte - vor allem im Sinne seiner jungen KlientInnen - anonym bleiben.

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