"Jedes Ding der Welt ist auf seine Art eine Wolke"

22. März 2013, 10:06
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Kaum ein Landschaftsbild ohne Wolken. Das Leopold-Museum sammelte Bilder flüchtiger Himmelserscheinungen aus drei Jahrhunderten und bauschte daraus eine mit Musik und Film garnierte Ausstellung

Wien - Aus dem Wolkenkuckucksheim baumelt eine Strickleiter, bedient die Sehnsucht, hoch dort oben in der weißen Wonne gebe es ein flauschiges Luftschloss, auf dem man sich watteweich betten kann, ein Zwischenreich wie in Aristophanes' Komödie Die Vögel.

Dietrich Wegners schwebende Zuflucht wäre ein schöner Auftakt zur Ausstellung Wolken gewesen, die - verrät Elisabeth Leopold - beinahe den Titel Bilder zwischen Himmel und Erde getragen hätte. Dem sarkastischen Unterton der Arbeit entsprechend - das Wolkenhaus gleicht einem Atompilz - ist die raumhohe Installation aber ihr Endpunkt.

Für den Beginn der Ausstellung zur Vielfalt der gemütsbewegenden Wasserdampfformationen (von Romantik bis Drama) hätte man sich dennoch Prickelnderes gewünscht als Cory Arcangels Video Super Mario Cloud v2k3. Arcangel löste aus dem Computerspiel alle Figuren und Objekte, sodass nur noch grellblauer Himmel und immer gleiche Häufchenwolken übrigblieben, die sich in Zeitlupe durch das Bild schieben. Ein Schneckentempo, das den Subtitel der Schau - Welt des Flüchtigen - geradezu verhöhnt.

"Verblüffenderweise", schreibt das Leopold-Museum in seiner Presseaussendung, seien die den Menschen so faszinierenden Wolken bisher kaum Thema einer Ausstellung gewesen. (2009 versuchte sich das Wiener Musa mit Stark bewölkt am geduldigen Sujet.) Vielleicht hat dies mit dem Zitat des Philosophen Michel Serres zu tun, das man hier auf einer Wand findet: "Jedes Ding der Welt ist auf seine Art eine Wolke."

Klassifikation des Nebulösen

Ein schöner Gedanke, umso sportlicher also das Unterfangen, einen Überblick geben zu wollen und das sich dem Zugriff entziehende Nebulöse zu klassifizieren. Herausgekommen ist eine Ausstellung wie ein Coffeetablebook - bunt, prunkvoll, vielfältig und schwer an echten Meisterwerken. Im Grunde wird aber nichts Neues erzählt. Was macht eine solche Präsentation gut? Reichen Andy Warhols fliegende Silver Clouds und sich ins Gedächtnis brennenden Gemälde von Malgiganten der Moderne?

Darunter ist William Turner, der Meister der sphärischen Motive und Vorbote des Impressionisten: Aus der Londoner National Gallery hat man sein Margate from the Sea (um 1835-1840) mit den rötlich-braun schimmernden Wogen und dem zitronengelben Schimmer im unruhigen Himmel ausgeliehen. Seine Könnerschaft für Unwetter aller Art beweisen auch die Kleinformate. Beispiele von John Ruskin, John Constable, Simon Denis, Caspar David Friedrich oder Johann Heinrich Fischbach unterstreichen in der Folge die in der Romantik aufkommende Leidenschaft für Wolken.

Und wo Turner ist, da müssen die Impressionisten folgen: Da prangen Alfred Sisleys Weg nach Louveciennes (1876) mit den von der untergehenden Sonne gelb und violett betupften Wolken oder Claude Monets vom Dampf der Loks ausgefüllter Bahnhof Saint-Lazare (1877), ebenfalls eine Londoner Leihgabe. Bei Paul Cézannes Badenden (1890) sind die Bauschwolken eher kompositorisches Beiwerk, aber wer will denn Nein sagen, wenn das Musée d'Orsay das Meisterwerk ausborgt. Ist es wichtig, dass bei Cézannes Große Bäume im Jas de Bouffan (um 1883) allenthalben ein wenig Himmelblau durchs Laub spitzt?

Gefühlte Schatten

Vielleicht könnte man verzichten, um anderes besser in Szene zu setzen? Etwa Emil Noldes unheimlichen und dramatischen gewitterschwarzen Himmel in Landschaft (Haus und Kirche), Egon Schieles schon geradezu abstrakte Wolkenauffassung in Herbstbaum in bewegter Luft (1912) oder Josef Rebells Vesuvausbruch bei Nacht (1822), auf den die nahe Filmvorführbox rein gefühlsmäßig Schatten zu werfen scheint.

Was trotz Kapiteln zu Wolkenfotografie, Industriequalm, atomarem Dampf und wolkig-surrealen Metamorphosen zu kurz kommt, ist Mythologie und Überirdisches, die Götter nahmen ja nur zu allzu gern, siehe Correggios Jupiter und Io im KHM, nebulöse Gestalt an.

Auf Anton Romakos monströs großem Kitsch-Ölschinken wird's mit der Begegnung von Circe und Odysseus zwar mythologisch. Aber die Wolken ganz weit hinten am Horizont haben sich schon fast verflüchtigt. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 22.3.2013) 

  • Aus Sekunden werden 36 Minuten: Bruce Conner schuf aus Material zum Atomtest auf dem Bikini-Atoll den Film "Crossroads" (1976): ernstes Highlight in der beliebigen "Wolken"-Schau. 
    foto: conner family trust/vbk, wien 2012

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