Karottenrot im Kakteenwald

21. März 2013, 19:05
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Mit der Erstausstrahlung von "Cracked Actor" hat der Sender Bedeutendes für die Weltjugend geleistet

Nichts ist schlimmer für den aufgeweckten jungen Menschen als das Bescheidwissen der Erwachsenen. Mit Frösteln entsinnt man sich des Großonkels, der bei jeder unpassenden Gelegenheit den Beinstumpf entblößte, damit dieser die Feuerkraft der Roten Armee bezeuge. Nicht viel anders verhält es sich in der Unterhaltungsindustrie. Mit dem Hinweis auf das Charisma von "Popchamäleon David Bowie" macht man sich in der Generation Justin Bieber garantiert keine Freunde.

Manchmal hilft das alles nichts: Frontalunterricht muss eben auch sein. Mit der Erstausstrahlung der faszinierenden David-Bowie-Doku "Cracked Actor" hat der Sender Eins Festival - höchstwahrscheinlich unbedankt - Bedeutendes für die Weltjugend geleistet. Gezeigt wird ein knochendürrer Bowie, der 1974 die Vereinigten Staaten bereist. Das Alter Ego Ziggy Stardust ist schon gestorben. Der Brite bricht unter der Last seiner zahlreichen Persönlichkeitsabspaltungen förmlich zusammen.

Bowie sitzt karottenrot und hohnlachend in seiner Limousine. Er blickt zerstreut hinaus auf die Kakteen in der kalifornischen Wüste. Regisseur Alan Yentob filmt Bowie im Auftrag der BBC auf dessen "Diamond Dogs"-Tournee. Durch die Nasenschleimhäute des Superstars wandern Gebirge von Schnee. Major Tom droht der Welt abhandenzukommen. Auf der Bühne küsst er fahrig einen Totenschädel. Im Hintergrund heult ohrenbetäubend die Gitarre von Earl Slick.

Pop, so lehrt es dieser Meisterfilm, zehrt vom Aufstellen ungeheuerlicher Behauptungen. Heute, wo ja jeder sein eigener Superstar ist, würde der Bowie von damals wahrscheinlich als faschistoider Störenfried wahrgenommen. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 22.3.2013)

  • David Bowie ist derzeit in London eine Ausstellung gewidmet.
    foto: apa/epa/maran

    David Bowie ist derzeit in London eine Ausstellung gewidmet.

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