Mr. Levin und die Banker: Ein Hauch von Gerechtigkeit

Leserkommentar21. März 2013, 18:27
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Carl Levin entzauberte die Direktoren der US-Großbank JP Morgan. Hiesige U-Ausschüsse können sehr viel von dem US-Senator lernen

Sie glichen einer Bande beim Schummeln erwischter Vorzugsschüler, die jetzt reumütig aufgefädelt in der ersten Bank vor dem Lehrer saßen. Ein Mädchen war auch dabei. Sie trug eine züchtig berüschte, hochgeschlossene Bluse, die Herren schlichte Krawatten und erstaunte Mienen, als ob sie selbst nicht fassen könnten, was ihnen da passiert war, als ob es eine dunkle übersinnliche Kraft gewesen wäre, der sie damals vollkommen wehrlos ausgeliefert waren, die sie schamlos missbraucht hatte und sechs Milliarden Dollar des ihnen anvertrauten Geldes verspielen ließ. Sie, das waren die Direktoren von JP Morgan, einer der größten Investmentbanken der Welt.

Die Rolle des Lehrers spielte Senator Carl Milton Levin. Er war Leiter des Untersuchungsausschusses und in einem Alter, in dem sich viele seiner Kollegen schon zum Sterben niedergelegt hatten. Levin trug heute seine noch verbliebenen Haare quer über die Glatze frisiert, die Lesebrille balancierte gekonnt auf der Nasenspitze und darüber leuchteten die großväterlich verschmitzten Augen eines Mannes, der alles erlebt, aber niemals seinen Humor verloren hatte. Der Senator saß, den Kopf leicht vornübergebeugt, um über die in Verhandlungssälen stets zu tief montierten Mikrofone verstanden zu werden. Zu beiden Seiten und hinter ihm stapelten sich dicke Aktenordner, mit deren Umgang er eine erstaunliche Virtuosität zur Schau stellte, immer wartete er geduldig, bis endlich auch alle anderen die als Nächstes zu erörternde Stelle erblättert hatten.

Balsam auf die Seele

Von Zeit zu Zeit zog der Senator kurz seinen Kopf zurück, um seiner Assistentin, die dann blitzschnell aus dem Hintergrund erschien, etwas zuzuflüstern, worauf diese flink Antwort gab oder hurtig einen weiteren Ordner hervorzauberte, manchmal wies sie selbst den Senator auf etwas hin, der dann nur bedächtig nickte oder verneinte.

Aber das Erstaunliche war etwas heutzutage vollkommen Unübliches: Senator Lewin konnte sich auch Zeit lassen. Wenn einer der Verdächtigen eine Frage trotz intensiven, aber stets respektvollen Nachhakens unvollständig, nicht präzise genug oder beharrlich an der Sache vorbeigehend beantwortete, dann geschah Folgendes: Der Senator drehte sich in seinem Bürostuhl um, kehrte allen den Rücken zu und überlegte. Ein Mensch, der öffentlich still überlegte, wann hat es das zum letzten Mal gegeben? Die Fernsehzuschauer sahen minutenlang nichts anderes als die gebückte Kehrseite des über Akten grübelnden Senators Levin. Und das Erstaunlichste überhaupt war, dass währenddessen im Saal absolute Stille herrschte. Die Dame und Herren Direktoren saßen unverändert aufgefädelt und blickten ehrfürchtig, auch alle anderen warteten geduldig, bis der Senator ihnen endlich wieder sein gutmütiges Antlitz zuwandte, um die nächste Frage freundlich, aber messerscharf zu formulieren. Der Gefragte antwortete daraufhin zwar immer noch leugnend, kam sich dabei aber offensichtlich so lächerlich vor, dass selbst der Dümmste im Saal auf die Glaubwürdigkeit dieses Herrn Direktors keinen Cent mehr gesetzt hätte.

Wir wissen nicht, ob aus diesem Untersuchungsausschuss irgendwelche Konsequenzen gezogen werden. Wahrscheinlich werden sich die Verantwortlichen in jahrelangen Prozessen mit viel Geld aus der Affäre ziehen und die Welt wird sich auch kaum verbessern. Aber dieser betagte Anwalt, der sich eine so große Lebensweisheit und Autorität erarbeitet hatte, der vielleicht auch die besten Eigenschaften seiner jahrtausendealten Sippe in sich vereinigen konnte, hat uns endlich wieder einmal eine dicke Schicht Balsam und Zuversicht auf unsere an mangelnder Gerechtigkeit so kränkelnden Seelen geschmiert. (August Trabitsch, Leserkommentar, DER STANDARD, 22.3.2013)

August Trabitsch ist Musikpädagoge.

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