Netzbetreiber vermiesen Kunden den Wechsel

21. März 2013, 16:00
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Manche Netzbetreiber stufen den Energieverbrauch der Neukunden "exorbitant hoch" ein, um ihnen höhere Teilbeträge zu verrechnen

Wien - Ein Anbieterwechsel lohnt sich, trommelt der Energieregulator E-Control seit Jahren - allerdings mäßig erfolgreich. Die österreichischen Strom- und Gaskunden sind sehr wechselfaul - und jetzt torpedieren auch noch Ex-Monopolisten selbst die Belebung des von der E-Control so schmerzlich vermissten Wettbewerbs: Einzelne Netzbetreiber schätzten den Verbrauch von Kunden, die zu einem billigeren Lieferanten gewechselt sind, exorbitant hoch ein, damit sie später höhere Teilbeträge zahlen müssen, berichteten die E-Control-Vorstände Walter Boltz und Martin Graf am Donnerstag. Die Behörde prüft einen möglichen Missbrauch.

"Wir werden die Netzbetreiber auffordern, das zu unterlassen und ansonsten Verfahren einleiten", so Graf. Er vermutet, dass einzelne Betreiber Kunden den Lieferantenwechsel absichtlich vermiesen wollen. "Wir werden diese Verunsicherung im Keim ersticken." Welche Anbieter im Visier sind, wollte Boltz nicht sagen. Es seien "ein paar", "eher ostösterreichische".

Viele Beschwerden

Im vergangenen Jahr gab es bei der Schlichtungsstelle der E-Control zu diesem Thema 260 Beschwerden, im Jänner und Februar 2013 bereits 65. Es dürfte aber weit mehr Betroffene geben. Die E-Control ruft daher Personen, die nach einem Wechsel höhere Teilbetragsvorschreibungen bekommen, auf, sich zu melden.

Insgesamt haben sich im Vorjahr rund 2.500 Personen, die Probleme mit ihren Energieunternehmen hatten, an die E-Control-Schlichtungsstelle gewandt. 2011 hatte es 2.400 Anfragen gegeben. Ein formelles Streitschlichtungsverfahren musste 2012 in nur 108 Fällen eröffnet werden, 2011 war dies 110 mal der Fall gewesen. Den größten Informationsbedarf gibt es wegen unverständlicher Rechnungen.

Ein Problem hat die E-Control auch mit langfristigen Gaslieferverträgen, die es neuen Anbietern de facto unmöglich machten, in den Markt einzutreten, so Boltz. "Solche Verträge sind in einem Nicht-Monopol-Markt nicht mehr zulässig." Die E-Control sei diesbezüglich bereits gegen das Gas-Waren-Handelshaus (GWH), eine Tochter des russischen Gasmonopolisten Gazprom, vorgegangen, und zwar wegen mehrerer Verträge.

Billig-Energie für Industriekunden

Die Preise für Strom und Gas waren 2012 weiter auf einem Rekordniveau. Unter den hohen Energiekosten ächzen aber hauptsächlich Haushalte, denn Industriekunden zahlen für Strom und Gas zum Teil sogar weniger als die Energieversorger selbst im Einkauf. Das müssen die Privatkunden kompensieren - beim Gas macht der Energieregulator E-Control hier eine Lücke von 80 Mio. Euro aus. Und beim Strom klafft nach wie vor eine riesige Lücke zwischen Großhandels- und Endkundenpreis, da die Versorger Senkungen nicht in ausreichendem Maße weitergeben. Das liegt zum Gutteil am mangelnden Wettbewerb in Österreich, aber auch daran, dass die Österreicher äußerst faul sind, was den Anbieterwechsel betrifft, wie Boltz nicht müde wird zu betonen.

Nur 1,1 Prozent aller Stromendkunden haben 2012 ihren Anbieter gewechselt, das ist der niedrigste Wert seit sieben Jahren, so Martin Graf. Seit der Liberalisierung des Strommarktes 2001 haben sich insgesamt 504.000 Haushalte einen neuen Stromanbieter gesucht, das sind kumuliert nur 12,4 Prozent. Im Vergleich mit anderen Ländern steht Österreich hier schlecht da. In Deutschland liegen die jährlichen Wechselraten bei knapp 10 Prozent. Dabei könnte sich ein österreichischer Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 3.500 Kilowattstunden (kWh) laut Strompreismonitor momentan bis zu 140 Euro im Jahr sparen (Neukundenrabatte miteingerechnet).

Beim Gas gab es im Vorjahr, wohl auch dank der neuen deutschen Anbieter Goldgas und Montana, ein bisschen Bewegung. Erstmals stieg die Wechselrate über 1 Prozent, und zwar auf 1,7 nach 0,9 Prozent bei Haushalten, Gewerbe und Industrie. Seit der Marktliberalisierung im Jahr 2003 haben zusammengerechnet nur 8 Prozent oder 102.000 Haushalte ihren Gasanbieter gewechselt. Trotz dieser "beschämend" niedrigen Werte ist die E-Control für heuer guter Dinge. Graf setzt dabei seine Hoffnung auf den Lebensmitteldiskonter Hofer, der Mitte Jänner mit einer Ökostromaktion den Markt aufmischte. "Genau so etwas haben wir uns immer gewünscht."

Branche wehrt sich

Die E-Wirtschaft weist die Kritik zurück. Der Strompreis sei 2012 nur um 0,9 Prozent gestiegen, während allgemeine Teuerung 2,5 Prozent betragen habe, meint ihr Sprecher Ernst Brandstetter. Zu den Unterschieden zwischen den Preisen bei Groß- und Haushaltskunden meinte Brandstetter, dass Industrieunternehmen alle paar Monate neue Verträge abschlössen und sich dadurch preismäßig "nah am Markt bewegen", dafür aber auch ein Risiko hätten. Bei Haushalten erfolge die Beschaffung dagegen rollierend, Schwankungen an den Märkten würden "nur sehr geglättet weitergegeben" und das Preissteigerungsrisiko sei gering. Die niedrigen Wechselraten erklärt sich Brandstetter damit, dass die Stromkunden mit ihren bisherigen Lieferanten zufrieden seien. (APA, 21.3.2013)

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    E-Control-Vorstände Walter Boltz und Martin Graf: Ex-Monopolisten torpedieren Wettbewerb.

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