"Halbsprachige Kinder gibt es nicht"

Interview21. März 2013, 14:19
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Germanistin Inci Dirim will mit dem Mythos der doppelseitigen Halbsprachigkeit bei Migrantenkindern aufräumen

Wie misst man Sprachkenntnisse von mehrsprachigen Kindern, und ist es sinnvoll, den Unterricht auch in der Familiensprache erfolgen zu lassen? Inci Dirim, Professorin für Deutsch als Fremdsprache, spricht über den Mythos von halbsprachigen Kindern, die weder Deutsch noch ihre Muttersprache richtig beherrschen, und bewertet unterschiedliche Strategien im Umgang mit der Mehrsprachigkeit im Bildungssystem.

daStandard.at: Immer wieder liest und hört man im Zuge der Integrationsdebatte von "halbsprachigen Kindern". Ist der Begriff Halbsprachigkeit haltbar?

Dirim: Pauschal lässt sich nicht von halbsprachigen Kindern sprechen. Auch die Frage, an welcher Norm man die Sprachkenntnisse von Kindern messen kann, ist ungelöst. So lässt sich der Sprachstand des Türkischen von Kindern, die Türkisch und Deutsch in Österreich sprechen, unzureichend mit Tests aus der Türkei messen. Diese Kinder haben einen anderen Hintergrund und zumeist eine andere Bildungssprache, so dass solch eine Testung bloß den Unterschied zu in der Türkei aufgewachsenen Kindern aufzeigen und sie defizitär bewerten würde.

daStandard.at: Gibt es im deutschen Sprachraum Tests zur Feststellung der Sprachkenntnisse bilingual aufgewachsener Kinder?

Dirim: Ja, es gibt zum Beispiel in Hamburg Tests, die von den Bedingungen der Umgebung, in der solche Kinder leben, ausgehen - in diesem Falle das Hamburgische Türkisch.

daStandard.at: Braucht es also einen Alternativbegriff zur Halbsprachigkeit?

Dirim: Einen solchen gibt es schon seit längerer Zeit - Ingrid Gogolin prägte den Begriff der "lebensweltlichen Mehrsprachigkeit". Damit ist gemeint, dass Kinder alle Sprachen so, wie sie ihnen in der Umgebung dargeboten werden, lernen und ihre Sprachkompetenz entsprechend entwickeln. Das gilt auch für Kinder, die monolingual mit Deutsch aufwachsen.

daStandard.at: Haben diese Erkenntnisse Einfluss auf den Schulalltag in Österreich?

Dirim: Viele Lehrkräfte arbeiten noch mit der Vorstellung der doppelseitigen Halbsprachigkeit. So wird oft darauf vergessen, dass alle zusätzlichen Sprachkenntnisse eines in Wien aufgewachsenen Kindes einen Gewinn darstellen. Die Schwellenniveau-Hypothese von Cummins, nach der die Erstsprache perfekt beherrscht werden muss, um eine weitere Sprache zu erlernen, hält sich hartnäckig. Es ist nicht so, als würden Migrantenkinder kein Deutsch lernen - sie lernen es anders.

daStandard.at: Wie lässt sich all das im Schulalltag einsetzen?

Dirim: Es gibt viele Modelle zur institutionellen Sprachförderung - wie das Modell der durchgängigen Sprachbildung. Damit ist keine zusätzliche Sprachförderung gemeint, sondern eine integrative Förderung in jedem Unterrichtsfach und über einen längeren Zeitraum. Die Förderung der Bildungssprache Deutsch dauert ungefähr sechs Jahre. Auch sollte die Mehrsprachigkeit als Ressource anerkannt und Migrationssprachen gefördert und aufeinander bezogen werden. Sprachen können sich mit Sprachvergleichen gegenseitig befruchten und müssen nicht isoliert voneinander gelehrt werden, ein einstündiger wöchentlicher Unterricht reicht hierfür nicht.

daStandard.at: Wie ist die Idee einer Sprachförderklasse im Rahmen der Vorschule, wie sie Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz fordert, vor diesem Hintergrund zu bewerten?

Dirim: Der Grundstein für die Sprachförderung - das reicht natürlich nicht aus - ist vor allem in den Kindergärten zu setzen. Die Bildungssprache der Schule entspricht nicht der des Kindergartens, daher ist eine Sprachförderung nur dann sinnvoll, wenn sie sich durch verschiedene Institutionen zieht. Allerdings reichen gesonderte Sprachkurse nicht aus - auch integrative Sprachförderung ist wichtig, zum Beispiel die durchgängige Sprachförderung. Weiters soll Deutsch als Zweitsprache an mehreren Universitäten und nicht nur in Wien verankert werden. Selbst wenn man gesonderte Klassen für den Deutscherwerb einführen wollte: Das Personal fehlt.

daStandard.at: Ist es also sinnvoll, vermehrt Lehrer einzusetzen, die Migrationssprachen beherrschen?

Dirim: Selbstverständlich - allerdings ist zu betonen, dass Deutsch auch für Kinder mit Migrationshintergrund "ihre" Sprache ist. Hier eine Gruppe von nicht Dazugehörenden zu schaffen ist nicht sinnvoll. Weiters brauchen solche Lehrkräfte eine spezielle Ausbildung: Eine Sprache zu beherrschen bedeutet nicht, diese auch unterrichten zu können. Dieses fachspezifische Fachwissen fehlt vielen potenziellen Lehrkräften.

daStandard.at: Wir haben nun über Sprache und Schule gesprochen - wie sieht es im familiären Kontext aus? Ist es für Migranten sinnvoll, mit ihren Kindern Deutsch zu sprechen, wenn sie selbst noch über keine umfassenden Deutschkenntnisse verfügen?

Dirim: Diese Frage würde ich anders stellen. Eine Sprache zu sprechen bedeutet vor allem, sie sprechen zu wollen. Die Frage des "richtigen" Sprechens, der Norm, ist schwierig, man kann Eltern aber auf jeden Fall darin unterstützen, sprachfördernde Aktivitäten zu unternehmen. Jedoch sind es nicht nur sprachbezogene Themen, die zuweilen Probleme bereiten. Nehmen Sie mich als Beispiel: Meine Tochter fragte mich vor kurzem etwas über den Korneuburger Eid - für mich als Migrantin ist es trotz eines hohen Bildungsniveaus nicht möglich, vermeintlich bekannte Dinge zu erklären. Hier erfordert es Recherche und eine darauffolgende Übersetzung in kindgerechtes Deutsch. Derartiges kann keinesfalls allein von den Eltern kommen, die Schule muss hier eine Unterstützung bieten.

daStandard.at: Welche Wege sind in der Bildungs- und Schulpolitik anzuraten? Und ist an der absolut übergeordneten Stellung des Deutschen im Unterricht festzuhalten?

Dirim: Analysen aus den USA zeigen, dass zweisprachige Bildung für zweisprachige Kinder am sinnvollsten ist. Natürlich ist zu bedenken, dass es in Österreich viele gemischtsprachige Klassen gibt - hier kann das schwedische Modell Denkansätze liefern. So ist Unterricht für Kinder auch in ihrer Familiensprache ratsam. Ich gehe nicht davon aus, dass ein rein monolingualer Deutschunterricht die Lösung ist, kann aber genauso wenig für eine sofortige Umstellung auf Mehrsprachigkeit plädieren. Es fehlen Konzepte, Lehrmaterialien und Lehrkräfte. Daher wäre es unrealistisch, eine sofortige Umstellung auf Mehrsprachigkeit zu fordern. Eine Öffnung in diese Richtung wäre aber wünschenswert, indem man Fortbildungen für Lehrkräfte organisiert und deren mehrsprachige Ressourcen nutzt.

Es gibt eine Menge Strategien, Schulen in Richtung Mehrsprachigkeit zu öffnen - daran muss Schritt für Schritt gearbeitet werden. Es muss gesichert werden, dass Deutsch als Bildungssprache ausreichend gefördert wird, damit Kinder in einem monolingualen Bilgungssystem zurechtkommen. Parallel dazu können Strategien zur besseren Nutzung der Ressourcen von mehrsprachigen Kindern entwickelt werden. (Daniela Vukadin, daStandard.at, 21.3.2013)

 


Inci Dirim
wurde 1965 in Gladbeck geboren und wuchs in der Türkei in einem türkisch-deutschen Haushalt auf. 2009 wurde sie für den Bereich Deutsch als Zweitsprache/Deutsch als Fremdsprache an das Institut für Germanistik an die Universität Wien berufen.
  • Kinder lernen alle Sprachen so, wie sie ihnen in der Umgebung dargeboten werden, sagt Germanistin Ilci Dirim.
    foto: christian fischer / standrad

    Kinder lernen alle Sprachen so, wie sie ihnen in der Umgebung dargeboten werden, sagt Germanistin Ilci Dirim.

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