Können Sie bitte weniger Aufgabe geben?

Blog21. März 2013, 14:38
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Vom Menschsein und Menschbleiben: Was Schule heute braucht

"Können Sie bitte wieder weniger Aufgabe geben?!" Von oben herab hält mir Miriam das Mitteilungsheft mit Mamis Diktion unter die Nase. Das meine Unterschrift fordernde "U.:" tritt hinsichtlich seiner Unverfrorenheit mit der dicken, fetten Schrift in Konkurrenz. Und sie ist noch dazu rot. Vor meinem inneren Auge wird die Mutter zur Lehrerin und ich zum Kind, das es zu belehren gilt. Wo kommen wir da hin?

Für die nächsten Stunden rot sehend, überlege ich fast fieberhaft, was zu tun ist. Um 10 Uhr rufe ich die Mutter an. "Hier die Schule, ich am Apparat, die Frau Lehrerin. Wissen Sie, ich überlege mir ganz genau, wie viel Aufgabe ich gebe, im Zuge meiner stundenlangen Vorbereitung, am Nachmittag, in der unterrichtsfreien Zeit. Und, nur damit das klar ist, ich bin die Lehrerin, nicht Sie, werte Frau X., nicht Sie. Und die Aufgabe gebe immer noch ich."

Erst nach oftmaligem Piepton schnalle ich, dass die Mutter wohl keine Lust hatte, Zeugin dabei zu werden, wenn ein Frosch so lange bläst, bis er platzt. Verstehe ich irgendwie.

Drei Wochen später schreibt sie wieder. Wieder die, die es draufhat, mich von einer Sekunde zur nächsten in einen nicht ganz ungefährlichen Pfeilgiftfrosch zu verwandeln: "Können Sie bitte wieder mehr Aufgabe geben?!"

Mit großer Gelassenheit und blauer Unterschrift bestätige ich, dass ich die Mitteilung gelesen habe. Und sonst gar nichts. Am nächsten Tag kommt die Mutter zu mir: "Sorry, echt, dass ich immer ins Mitteilungsheft schreibe. Wissen Sie, mein Mann meint, dass ich manchmal impulsiv bin und übertreibe."

Eine nette Gemeinsamkeit, finden wir. Ich als Lehrerin, sie als Mutter. Wir als Menschen. (Andrea Vanek-Gullner, derStandard.at, 21.3.2013)

Haben Sie Fragen an Pädagogin Andrea Vanek-Gullner? Schicken Sie ein E-Mail an bildung@derStandard.at!

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