Sofie Quidenus - Mit bionischem Finger zum Erfolg

25. März 2013, 10:04
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Die 30-Jährige hat automatisierte Seitenwender für Notenständer und Buch-Scanner entwickelt

"Die meisten, die mich privat kennen lernen, würden nie glauben, dass ich eine Firma leite", sagt Sofie Quidenus. Das sei aber ok, meint die 30-jährige Gründerin und Geschäftsführerin der Qidenus Technologies GmbH. Denn in ihrer Freizeit spricht sie nur selten über ihren Job. Nach fast einem Jahrzehnt im Geschäft scheint Quidenus für sich herausgefunden zu haben, wie man die Balance zwischen Beruf und Privatleben aufrecht erhält. Zum Beispiel, indem sie statt einem Smartphone fast schon altertümlich anmutende GSM-Handys verwendet: "Weil sie keine E-Mails empfangen können."

Trotzdem kann es auch bei Qidenus stressig zugehen. "Bei uns ist gerade ein bisschen Ausnahmezustand", verweist die Unternehmerin auf die Vorbereitungen für die CeBit, die Anfang März in Hannover stattfand, und die bei unserem Interview auf Hochtouren liefen. Als sie vom neuesten Qidenus Produkt, dem robotischen Buchscanner Smart Book Scan erzählt, der auf der CeBit präsentiert wurde, schlägt ihre Stimmung um. "Er ist super. Wir haben uns bisher mehr auf Großkunden, wie die Nationalbibliothek oder die Bibliothek von Alexandria konzentriert, aber der Smart Book Scan ist für Normalverbraucher."

Chefsalat

Ihr momentaner Arbeitsrhythmus mit 15-Stunden-Tag sei für die Unternehmerin, zum Glück, kein Dauerzustand: "So etwas macht man vielleicht die ersten drei Jahre als Gründer, aber dann kommt man drauf, dass das weder funktioniert noch gesund ist." Gesundheit und Work-Life Balance scheinen bei Qidenus groß geschrieben zu werden, wie auch Fotos und Urkunden vom Wien Marathon, die die Wohnküche des Büros zieren, beweisen.

"Wir haben ein paar leidenschaftliche Läufer im Team. Das war auch der Grund, warum wir uns 2011 hier neben der Alten Donau im 22. Bezirk angesiedelt haben. Es ist perfekt zum Laufen." Der Hang zum gesunden Leben zeigt sich an Quidenus' Mittagessen – ein Salat aus Gemüse, Joghurt und Nüssen. Ausgewogen wirkt auch die Unternehmenskultur. Ihre Mitarbeiter, die größtenteils in ihren Zwanzigern sind und immer wieder in die Küche kommen um sich Essen aufzuwärmen, mitzureden oder vom Salat ihrer Chefin zu kosten sieht Qidenus sowieso als "Mitgründer."

Der Startschuss für Qidenus erfolgte vor zehn Jahren. Die damals 21-jährige WU-Studentin konnte bereits auf zwei Unternehmensgründungen zurückblicken: ein "Junior Enterprise," das über ein Schulprojekt entstand und über das sie Malkurse für Senioren anbot; aber auch der erste schulübergreifende Ball in Wien, der Wiener Schulball – eine Marke, die sie später verkaufte.

Ein Professor vom Institut für Entrepreneurship und Innovation stellte die umtriebige Studentin dem Erfinder Alfred Jakes vor, der Hilfe für die Vermarktung seines automatischen Notenblattwenders suchte. Die geschäftstüchtige junge Frau nahm die Herausforderung an, erzählte ihrem Umfeld zunächst aber nichts davon. "Ungefähr ein Jahr lang hab ich es nur mein 'Projektchen' genannt. Ich war selbst skeptisch. Eine 21-Jährige, die eine Robotikfirma startet – das ist schon ein bisschen verrückt. Ich hatte anfangs keine Ahnung von der Technologie."

Vom "Projektchen" zum KMU

Das Projektchen wurde zum Projekt. Quidenus unterbrach ihr Studium, um sich ganz der Entwicklung eines Geschäftsmodells für Jakes später patentierten "bionischen Finger" widmen zu können, der inspiriert vom menschlichen Zeigefinger Seiten automatisch umblättert. Der Businessplan wurde zum Thema ihrer Masterarbeit. Nachdem Fördergelder von der Forschungsförderungsgesellschaft und ein Investment vom ehemaligen Konsum-Nachlassverwalter Hansjörg Tenng gesichert werden konnten, wurde aus der 2004 gegründeten Sofie Quidenus KEG, im Jahr 2005 die Qidenus Technologies GmbH. Der ungewöhnliche Nachname der Geschäftsführerin wird seither in leichter Abwandlung als Markenname verwendet.

2006 brachte das Startup sein erstes Produkt, einen über Fußpedal betätigten Notenblattwender der QiVinci Serie, auf den Markt. Das Patent des bionischen Fingers wurde auf weitere Technologien angewandt: QiCare, ein über Pedal oder Stimme bedienbarer Seitenwender, der körperlich behinderten Menschen die Lektüre von Büchern und Zeitschriften erleichtert, und die QiScan Buchscanner, die mittlerweile den Kern der Forschung- und Entwicklungsabteilung bilden. Jetzt will Qidenus mit seinen in Österreich entwickelten und hergestellten Produkten den privaten Markt für Buchdigitalisierung erschließen.

Mittlerweile ist das Unternehmen ein kleiner Betrieb mit 18 Mitarbeitern, einem Umsatz von rund 2,1 Millionen Euro und 90.000 Euro Profit. "Wachstum aus dem eigenen Cashflow heraus zu finanzieren bedeutet permanentes Jonglieren", weiß die Geschäftsführerin. Auch die Entscheidungsfindung ist bei insgesamt 16 Gesellschaftern (Quidenus hält 33%, Jakes 10%) kein Leichtes. "Es gab harte Zeiten, da hatten wir kein Geld am Konto und mussten Leute entlassen oder sie bitten, ohne Gehalt weiter zu arbeiten. Ich hab Glück gehabt, dass ich mich auf mein Team verlassen konnte", so Quidenus. Einer der Mitarbeiter schaltet sich ins Gespräch ein. Zu dieser Zeit habe die Chefin eine gute Idee gehabt: "Das Wort 'Problem' durch 'Spaß' zu ersetzen. Seitdem haben wir mehr Spaß denn je." (Alena Schmuck, derStandard.at und inventures.eu, 25.03.2013)

Sofie Quidenus (30) ist Gründerin und Geschäftsführerin der Qidenus Technologies GmbH. Mit 21 begann sie am Geschäftsmodell für den vom Erfinder Alfred Jakes entwickelten und später patentierten "bionischen Finger" zu arbeiten. Dieser wurde ursprünglich in einem automatischen Notenblattwender eingesetzt. Die 2005 gegründete GmbH hat sich mittlerweile auf die Entwicklung und Produktion von innovativen automatisierten Buchscannern spezialisiert. Dieser Beitrag ist ein Text einer Serie aus Porträts über Startups in Kooperation mit inventures.eu. Die Langversion des Artikels finden Sie hier.

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