Zypern zieht Pensionsgelder und Kirche zur Rettung heran

21. März 2013, 17:27
868 Postings

Die Geldversorgung des Landes steht vor dem Kippen, nun werden Altersvorsorge und Kirche angezapft. Die Zwangsabgabe für Kleinsparer scheint vom Tisch

Nikosia/Wien/Berlin - Nach dem Nein des zypriotischen Parlaments zum Euro-Rettungsplan hat Präsident Nikos Anastasiades den dringend notwendigen Plan B präsentiert. Der geplante Fonds soll mit Geld aus Pensionskassen und der Kirche sowie anderen Institutionen gebildet werden und Staatsanleihen ausgeben. Auch die zypriotische Zentralbank soll mit ihren Goldreserven dazu beitragen. Damit könnten 4,8 Milliarden Euro zusammenkommen. Donnerstagabend soll im Parlament darüber abgestimmt werden. Zudem beraten die Euro-Finanzminister in einer Telefonkonferenz. Hilfe aus Russland ist indes nicht zu erwarten.

Die Krise zerrte an den Nerven der Anleger: Der Euro hat vorübergehend stark verloren, europaweit gaben die Börsen nach. (siehe unsere Marktberichte)

Fragezeichen bei Zwangsabgabe

Der Plan sieht nach noch nicht offiziell bestätigten Informationen zudem eine begrenzte Zwangsabgabe auf Bankeinlagen vor, um die noch fehlende Summe von einer Milliarde Euro zu erreichen. Zehn Milliarden Euro sollten von der Eurozone und dem IWF kommen. Allerdings sollen nach Medienberichten nur Guthaben über 100.000 Euro belastet werden. Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem, demzufolge es nicht ohne Beteiligung der Sparer gehen wird, frohlockt: "Das Paket ist noch nicht missglückt und weg."

Der ursprüngliche Rettungsplan sah eine Abgabe von 9,9 Prozent vor. Welche der neue vorsieht, ist unbekannt.

Aufhorchen in Sachen Zwangsabgabe ließ heute der KSV-Insolvenzexperte Hans-Georg Kantner. Auch in der maßgeblichen EU-Richtlinie sei ein Selbstbehalt für gesicherte Sparer von bis zu zehn Prozent gestattet.

Banken bleiben zu

So viel ist klar: Die zypriotischen Banken bleiben bis Dienstag geschlossen. Auch für die Zeit danach dürften sie nur eingeschränkt operieren. Dem Vernehmen nach fordert die Europäische Union die Einrichtung von Kapitalverkehrskontrollen und die Fusion der beiden größten Banken. Durch die Einschränkung von Auslandsüberweisungen soll verhindert werden, dass nach einer Freigabe des Zahlungsverkehrs Milliardensummen von den Banken des Inselstaats abgezogen werden.

Derweil gibt es erste Lieferengpässe bei Medikamenten. Auch Treibstoff wird langsam knapp. Viele Tankstellen nahmen am Donnerstag nur noch Bargeld an, auch einige Supermärkte akzeptierten keine Kreditkarten mehr.

Brautschau

Auf der Suche nach Geldquellen ist Finanzminister Michalis Sarris nach Moskau geflogen. Russland wird Zypern aber nicht mit einem weiteren Kredit unterstützen. "Sie können uns nicht helfen, weil unsere Schulden wachsen würden", sagte Sarris. Jetzt bittet er die Unternehmer um Unterstützung. Zypern wünsche sich Investitionen in seinen Banken- und Erdgassektor.

Dem eine Abfuhr erteilt hat jedoch bereits Russlands zweitgrößte Bank VTB, die stark in Zypern investiert ist. Es sei sinnlos, in marode Banken einzusteigen. Aufgeschlossener soll die russische Außenhandels- und Entwicklungsbank VEB sein. Sie könnte Mittel leihen, das mit Vermögenswerten abgesichert würde, die nach und nach zu Geld gemacht würden.

Ein Ziel wäre die Popular Bank (griechisch: Laiki Bank). Am Donnerstag haben sich mehrere hundert ihrer Angestellten vor dem Parlament in Nikosia versammelt und gegen die befürchtete Schließung ihrer Bank protestiert. Es kursierten Gerüchte, wonach die Bank in eine weiter funktionsfähige und eine "Bad Bank" aufgespalten werden soll.

Europartner verlieren die Geduld

Indessen beginnt das Säbelrasseln der Europartner. Die Europäische Zentralbank kündigte an, ihre neun Milliarden Euro große Nothilfe für zypriotische Banken nur bis kommenden Montag zu garantieren. Danach würden die Gelder nur noch fließen, wenn ein Rettungsplan in Kraft sei, der die Solvenz der Banken sichere, teilte die EZB mit. Zyperns Zentralbank geht davon aus, dass die Frist eingehalten werden kann. Das Geld in der zypriotischen Staatskasse reicht noch bis Mai. Die zwei größten Banken des Landes sollen faktisch zahlungsunfähig sein.

Eurogruppen-Chef Dijsselbloem bewertet die Lage als brenzlig für die gesamte Eurozone: "In der jetzigen Situation ist es definitiv ein Systemrisiko." Anders sieht das die ehemalige EZB-Direktorin Gertrude Tumpel-Gugerell. "Meiner Meinung nach ist Zypern kein systemrelevantes Thema", beschied sie der Wiener Zeitung. (APA/Reuters/red, derStandard.at, 21.3.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Kleinsparer müssen doch nicht zahlen. Zyperns Präsident hat das Geheimnis gelüftet.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem rechnet noch immer mit einer Beteiligung der Sparer.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Banken werden vor Dienstag nicht wieder aufgesperrt.

Share if you care.