Die besten Hüftprothesen nur noch für wenige Oberösterreicher

21. März 2013, 08:18
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Auf fünf Prozent der Patienten limitiert - Internationaler Trend - Orthopäden planen Positionspapier

Wien/Linz - Die besten Hüftprothesen gibt es in Oberösterreich offenbar nicht mehr für jedermann. Laut einem Bericht des Ö1-"Morgenjournals" wurden die teuersten und für viele Ärzte langlebigsten Hüftprothesen vom Spitalsbetreiber GESPAG kontingentiert. Seit Jahresbeginn sollen sie nur noch für maximal fünf Prozent der Patienten zur Verfügung gestellt werden, ist einem internen Protokoll zu entnehmen. Einsparen will man auf dem Weg gut 700.000 Euro.

Für Martin Dominkus, Primarius am Wiener Orthopädischen Spital Speising, ist die Fünf-Prozent-Quote eindeutig zu niedrig. Da langlebige Prothesen vor allem für jüngere Patienten angemessen sind, hält er 20 bis 25 Prozent an Bedarf für eine realistischere Zahl. Die GESPAG weist das zurück. Für Oberösterreich habe eine interne Arbeitsgruppe von Fachleuten eben weniger Bedarf erhoben, sagte GESPAG-Vorstand Harald Geck.

Orthopäden planen Positionspapier

Freilich ist laut einem Ö1 vorliegenden internen Protokoll durchaus ein finanzieller Aspekt relevant. Denn die Sparvorgaben bei künstlichen Gelenken sind dort mit gut 700.000 Euro festgeschrieben. In der Gespag spricht man dennoch nicht von einer Fünf-Prozent-Quote, sondern von einer Zieldefinition. Ins Gerede gekommen war der Spitalsbetreiber im Vorjahr, als ein zusätzlicher dritter Vorstandsposten etabliert wurde. Kostenpunkt dafür laut ORF: 180.000 Euro pro Jahr.

Sparen bei Prothesen sei kein oberösterreichisches Thema, sondern international ein Problem, sagt der Orthopädie-Experte Alexander Guirea im Ö1-"Mittagsjournal". Giurea ist Facharzt für Orthopädie und Leiter der Spezialambulanz für Patienten mit künstlichen Gelenken im Wiener AKH. Auch in Großbrittanien werde überlegt, ob künstliche Hüftgelenke ab einem bestimmten Alter noch sinnvoll seien. In der Schweiz habe es Bestrebungen gegeben, dass Einkaufsgenossenschaften die Implantate bestimmen und damit den Ärzten die Entscheidungsfreiheit nehmen. Dagegen hätten Schweizer Ärzte ein Positionspapier verfasst, und auch die Österreichische Gesellschaft für Orthopädie werde ein solches Papier demnächst veröffentlichen, kündigt der Mediziner an.

Kritik an teuren Prothesen

Dass in Oberösterreich nur fünf Prozent der Patienten die besonders haltbaren Keramikprothesen erhalten sollen, reicht nach Ansicht Giureas "sicher nicht". Den Patienten müsse das beste Material in einem ausreichenden Prozentsatz zur Verfügung gestellt werden.

Der Mediziner gibt allerdings Kritikern recht, die manchen Ärzten vorwerfen, sie würden daran verdienen, dass sie teurere Prothesen einpflanzen. Doch genauso wenig wie eine Abhängigkeit eines Arztes von Herstellern sei eine Abhängigkeit der Ärzte von einer Verwaltungsbehörde zu tolerieren, wonach ein Arzt vorgegebene Implantate einsetzen müsse: "Die Entscheidungshoheit, was einem Patienten am besten tut, liegt beim Arzt", so Giurea. "Wir sind nach dem Krankenanstaltengesetz dazu verpflichtet, nach unserem besten Wissen und Gewissen state of the art zu behandeln." Die Verwaltung habe dafür die Aufgabe, einen guten Preis auszuhandeln.

Gespag dementiert: bestmögliche Behandlung für jeden

Die landeseigene GESPAG garantiere jedem ihrer Patienten die bestmögliche Behandlung. Durch die individuelle Entscheidung des operierenden Arztes sei gewährleistet, dass jeder Patient die Hüftendoprothese erhalte, die er brauche, erklärte der Projektleiter einer Arbeitsgruppe, Vinzenz Auersperg von der orthopädischen Abteilung im KH Steyr-Kirchdorf, in einer Presseaussendung am Donnerstag.

Die auf Ö1 genannten fünf Prozent bei den langlebigsten Hüftprothesen seien keine Kontingentierung, sondern eine mögliche Zielschätzung für diesen Bereich. "Keramik-Keramik-Gleitpaarungen zeigen keinen messbaren Mehrwert in internationalen Registern. Hochvernetztes Polyethylen ist eine absolut gleichwertige Alternative", so Auersperg. Zusätzlich erfolge eine laufende medizinische Überprüfung. Die Arbeitsgruppe aus Orthopädie- und Unfallchirurgen der gespag habe sich unter Beiziehung von externen Experten intensiv mit dem Thema Gelenksersatz an Knie- und Hüftgelenken beschäftigt.

Es gebe auch keinen Zusammenhang mit der Spitalsreform: Die gespag führe Standardisierungsprozesse laufend durch. Als Spitalsträger sei sie gesetzlich dazu verpflichtet, sämtliche patientenrelevante Bereiche regelmäßigen Überprüfungen zu unterziehen, dazu zähle auch die Prüfung gleichwertiger Alternativen.

Stöger pocht auf medizinische Entscheidung

In der Debatte um Kontingentierungen bei Hüftoperationen pocht Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) auf die medizinisch-fachliche Entscheidung bei der Auswahl der Prothese. Der Wiener Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres wertete das Vorgehen in Oberösterreich als Beleg für schon seit Längerem befürchtete Einsparungen.

Alle Menschen müssten selbstredend die Leistungen bekommen, die sie brauchen, hieß es im Gesundheitsministerium. Dabei müsse in jedem Fall die optimale Behandlung von höchster Qualität gewährleistet sein. "Welches Arzneimittel oder Medizinprodukt eingesetzt wird, ist nach medizinisch-fachlichen, nicht nach ökonomischen Kriterien zu entscheiden", so die Stellungnahme Stögers.

Für die Wiener Ärztekammer warnte Szekeres in einer Aussendung davor, mittels Rationierungsmaßnahmen die Gesundheit der Patienten in Österreich zu gefährden. "Diese Entwicklung ist äußerst bedenklich und darf in Zukunft nicht Schule machen." (APA/red, derStandard.at, 21.3.2013)

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