Vampirismus: Durstig nach Blut

27. März 2013, 16:40
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Vom Wahn, Blut trinken zu müssen, und Toten, die sich im Grab umdrehen: Der Vampirmythos fußt auf unterschiedlichen Krankheiten

Sie haben blasse Haut, spitze Eckzähne, kein Spiegelbild, gehen nur nachts hinaus und dann meist auf die Jagd nach frischem Blut. Sie sind unverwüstlich, außer man verschreckt sie mit Knoblauch und jagt ihnen einen Holzpflock durch das Herz. Vampire faszinieren seit hunderten Jahren die Menschheit - doch wie entstand ihr Mythos, den zahlreiche Literaten und Filmemacher unvergesslich machten? Stecken in Wahrheit Krankheiten wie Milzbrand oder Porphyrie dahinter?

Werden Vampire heute als unsterbliche Leinwandhelden verehrt, so wurden sie im 18. Jahrhundert noch für reale Monster gehalten. Todeshäufungen und Gerüchte über nächtliche Aktivitäten an Friedhöfen in einigen Dörfern Südosteuropas ließen den Glauben an Untote entstehen, die nachts auferstehen, um Tieren und Menschen das Blut auszusaugen.

Die schmatzende Leiche

Um den Mutmaßungen der Dorfbevölkerung nachzugehen, wurden Gräber geöffnet und mit Schrecken festgestellt, dass die bereits seit Wochen und Monaten Toten noch rosige Wangen, aufgedunsene Leiber und blutrote Lippen hatten. Außerdem gaben die Körper schmatzende Geräusche von sich, wie es in den damaligen Berichten über die Exhumierungen steht. Das sei ganz normal bei Leichen, die eine Zeit lang in einem Erdgrab liegen, sagt der Wiener Gerichtsmediziner Christian Reiter, der sich mit den Aufzeichnungen darüber befasste.

Denn nach dem Tod eines Menschen komme es zur Fäulnis, wodurch Gasbildung im Inneren des Leichnams hervorgerufen wird. Diese Fäulnisgase führen zu einer Volumenzunahme des Körpers. Durch die Lungenkompression trete außerdem rötlich gefärbte Fäulnisflüssigkeit aus Mund und Nase, und der Gasdruck in der Leiche verursache Geräusche.

Milzbrand-Epidemien

Tatsächlich war der Grund für die vielen Todesfälle die rasche Ausbreitung der damals noch unbekannten Milzbrand-Erkrankung. Über den Verzehr von verseuchtem Tierfleisch oder Milch wurde der Erreger vom Tier auf den Menschen übertragen. "Die Theorie, kürzlich Verstorbene wären aus ihren Ruhestätten gekrochen und hätten ihren Angehörigen das Blut ausgesaugt, war für die Dorfbevölkerung logischer als die Existenz von Bakterien", erklärt Reiter. Schließlich benahmen sich die bleichen Kranken oft sehr seltsam. Hohes Fieber und Wahnvorstellungen gehörten zu den Symptomen, der Tod trat innerhalb weniger Tage ein.

"Dem Vampirglauben liegt ein ganzes Bouquet an Krankheiten zugrunde", sagt der Gerichtsmediziner und Vampirforscher Reiter. Neben Milzbrandepidemien lieferte so auch die selten auftretende Erythropoetische Porphyrie Inspirationen für Vampir-Eigenschaften in Literatur und Film. Umgangssprachlich wird diese Stoffwechselerkrankung gar als "Vampirkrankheit" bezeichnet. "Symptome wie extreme Sonnenlichtempfindlichkeit und Zahnfleischschwund können bei bestimmten Formen auch mit einer Knoblauch-Unverträglichkeit einhergehen", erklärt Reiter. Betroffene bekommen binnen weniger Minuten an der Sonne starke Schmerzen und manchmal auch sichtbare Hautverbrennungen. Fantasiereiche Autoren fanden hier Symptome für die Schwächen ihrer Helden.

Psychische Störung

Der Vampir hat schon eine lange Entwicklungsreise hinter sich und ist mittlerweile als Poster-Boy im Mädchenzimmer angekommen. "Von der lebensbedrohlichen Krankheit über das gefürchtete Monster bis zum gutaussehenden Softie", wie Reiter zusammenfasst. Kommt zur Verehrung der Idole aus "Twilight" und "Trueblood" aber noch die zwanghafte Lust, Blut zu trinken, kann es sich um das Renfield-Syndrom handeln.

Kürzlich veröffentlichten türkische Mediziner den Fall eines 23-jährigen Mannes, der zwei Jahre lang krankhaft süchtig nach Blut war. Nachdem er sich anfänglich mit dem Rasiermesser selbst Verletzungen zufügte, um sein eigenes Blut zu trinken, attackierte er schließlich andere Menschen. Der Mann beschrieb den Drang nach dem roten Saft als stärker als sein Bedürfnis zu atmen.

Der Patient litt unter dem sogenannten Renfield-Syndrom, auch klinischer Vampirismus genannt. Menschen mit dieser psychischen Störung haben das Bedürfnis, Menschenblut zu trinken. Der US-amerikanische Psychoanalytiker Richard Noll benannte das Syndrom nach der Romanfigur R. M. Renfield aus Bram Stokers "Dracula". Noll zufolge liegt dem Renfield-Syndrom ein traumatisches Ereignis in der Kindheit eines Patienten zugrunde. Der junge Türke war Zeuge schrecklicher Morde gewesen.

Psychiater ordnen den "Vampirismus" den Psychosen zu. "Der Drang, Blut zu trinken, ist genau wie der Kannibalismus meist ein Symptom im Rahmen einer Schizophrenie", erklärt Harald Aschauer von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Meduni Wien - "vor allem, wenn alle Kriterien des Wahns zutreffen: die Unkorrigierbarkeit des Patienten, der unrealistische Inhalt seiner Vorstellung und seine subjektive Gewissheit". Konkrete Fälle von "Echtem Vampirismus" treten aber glücklicherweise äußerst selten auf. (Elisa Weingartner, derStandard.at, 27.3.2013)

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    Das typische Kennzeichen eines Vampirs sind die verlängerten Eckzähne.

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