Ex-Ölmanager wird Oberhaupt der Anglikaner

20. März 2013, 20:09
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Einige seiner Vorgänger starben eines gewaltsamen Todes. Und auch Justin Welby lebte bisher gefährlich. "Ja, dreimal", antwortet er kühl auf die Frage, ob er jemals um sein Leben fürchtete. In allen Fällen war der schmächtige Geistliche vom weltberühmten Versöhnungszentrum im englischen Coventry unterwegs in Nigeria, um dort bei Konflikten zu vermitteln.

Heute, Donnerstag, wird der mittlerweile 57-Jährige feierlich in sein neues Amt eingeführt: Als 105. Erzbischof von Canterbury leitet er künftig nicht nur die Staatskirche von England. Welby wird auch geistliches Oberhaupt der anglikanischen Gemeinschaft mit 80 Millionen Gläubigen in 160 Ländern. Todesangst muss er wohl nicht mehr haben, das Talent als Vermittler hingegen dürfte ihm nützen.

Denn viele der Streitfragen, welche die katholischen Glaubensbrüder und deren neuen Papst beschäftigen, treiben auch die Anglikaner um: Konflikte zwischen den armen, frommen, konservativen Kirchenprovinzen des globalen Südens und den reichen, dafür spirituell ausgebluteten Gliedkirchen des industrialisierten Nordens; der Umgang mit Homosexuellen; schließlich die Frage nach den Frauen in der Kirche.

Welbys Vorgänger Rowan Williams verpasste die eigene Synode zuletzt noch einen heftigen Nasenstüber: Sie verweigerte einem fein austarierten Kompromiss die Zustimmung, der Frauen den Weg ins Bischofsamt geebnet hätte.

Welby redet gern unbefangen von seinen Gottesbegegnungen: von der Bekehrung des damals 19-jährigen Jus-Studenten an der Uni Cambridge; von den vergeblichen Gebeten um die erstgeborene Tochter Johanna, die im Alter von sechs Monaten fünf Tage nach einem Verkehrsunfall starb; von dem "hellen Lichtstrahl", der den 31-Jährigen beim Abendgottesdienst in seiner Londoner Gemeinde traf: "Ich hatte das Gefühl, dass Gott zu mir sagte: 'Ich will, dass du Pfarrer wirst.'"

Bis dahin war Welby gutbezahlter Finanzmanager einer Ölfirma und hatte Afrika kennengelernt. Er kündigte und begann die Pfarrerausbildung. Von einem Tag auf den anderen fiel sein Jahreseinkommen von 100.000 auf 9500 Pfund plus Wohnung. Gleichzeitig begann ein sagenhafter Neuanfang. Zuletzt war der an chronischem Asthma leidende Vater von fünf teils erwachsenen Kindern ein Jahr lang Bischof im nordenglischen Durham und damit Mitglied im britischen Oberhaus. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 21.3.2013)

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    Audienz bei Queen Elizabeth.

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