Rote Markierungen zur "Judenfrage"

Kommentar der anderen20. März 2013, 19:14
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Eine Ergänzung zur STANDARD-Debatte über "dunkle Flecken" in der Ahnengalerie von SPÖ und ÖVP: Noch während des Kriegs baten führende Vertreter der Austro-Sozialdemokraten die britischen Behörden, Juden nicht nach Österreich zurückkehren zu lassen.

Johanna Gehmacher hat im STANDARD kürzlich auf die lange Tradition des Antisemitismus in den großen politischen Lagern Österreichs vor 1938 hingewiesen. Die Beiträge von Kurt Bauer zu Leopold Kunschak und Franz Schausberger zu Karl Renner haben dies anhand führender politischer Persönlichkeiten der Sozialdemokraten und Christlich-Sozialen in der Ersten Republik exemplifiziert. Personalisierungen des Antisemitismus laufen zugleich aber Gefahr, tiefergehende strukturelle Fragen nach dem Charakter der politischen Kultur und der politischen Strukturen zu verdecken.

Von größerer Bedeutung ist, ob und welche Maßnahmen 1945 ergriffen wurden, den Ausschluss der Juden und Jüdinnen - sofern sie die Shoah überlebt hatten - zu revidieren. Aspekte wie diese müssen zudem im transnationalen politischen Kontext Europas betrachtet werden. Noch während die alliierten Armeen jüdische Häftlinge aus Konzentrationslagern befreiten und im Exil Nachkriegspläne geschmiedet wurden, die eine Rückkehr der Vertriebenen einbezogen, kamen aus Österreich Signale, die den Ausschluss der Juden und Jüdinnen durch die Nationalsozialisten auch für das neu zu gründende Österreich festschreiben wollten. Adresse solcher Wünsche waren die alliierten Mächte, die eine Rückkehrregelung in der Hand hatten. Wie wurden sie aufgenommen?

Hier ein Beispiel: Im Februar 1945 sandte der amerikanische Geheimdienst OSS die beiden österreichischen Widerstandskämpfer Fritz Molden und Ernst Lemberger auf eine geheime Erkundungsreise nach Wien. Der junge Bürgerliche Fritz Molden hatte im Winter 1944/45 Berichte über die Existenz einer provisorischen Regierung im Untergrund (POEN) und eine aktive Widerstandsbewegung (O5) in die Schweiz gebracht. Der Wiener Sozialist und Kämpfer in der französischen Résistance, Ernst Lemberger, sollte die Informationen Moldens überprüfen. Lemberger traf in Wien Sozialdemokraten, die im Nationalsozialismus "überwintert" hatten und sich anschickten, nach der Niederringung der Nazis Regierungsverantwortung zu übernehmen, unter anderen den späteren SPÖ-Chef und Vizekanzler Adolf Schärf, aber auch bürgerliche NS-Gegner.

Ein Ergebnis der Unterredungen kommunizierte Lemberger im März 1945 in Rom einem Angehörigen der Alliierten Kommission für Österreich. Über das vertrauliche Gespräch gibt es eine Zusammenfassung, die der spätere britische Repräsentant in Wien, William Mack, am 17. April 1945 an Geoffrey Harrison, den für die Österreich-Politik zuständigen Beamten im britischen Außenministerium, weiterleitete:

"(i) The Social Democrats in Austria do not want any of the emigrés back. Their attitude corresponds fairly closely to that of the political elements inside other countries which have been liberated. (ii) Lambert (= Lemberger) had found in Vienna among the Social Democrats and others considerable apprehension about the possibility of a mass return of the Jewish refugees who had gone to various countries. You will remember that anti-Semitism was very strong in Vienna towards the end of the last century. It has been latent ever since, and I fear that the Jewish question will not be the least of Austria's problems in the future. In any case, Lambert laid great stress on this problem."

Harrisons Vorgesetzter Michael Cullis schätzte Lembergers Information als nützlich und als "particularly interesting sample" ein. In Großbritannien stießen Einschätzungen von Exil-Österreichern zur Zukunft Österreichs auf geringes Interesse, da sie häufig mit Verweis auf deren jüdische Identität als wenig repräsentativ galten. Begierig war man hingegen zu hören, was "true Austrians" zu sagen hatten. Lembergers Informationen bestätigten die britischen Erwartungen und die Politik der Unterbindung einer raschen Rückkehr jüdischer Flüchtlinge nach Österreich.

Neben praktischen Erwägungen (Transport, Unterkunft etc.) waren dafür Rücksichtnahmen auf die Nationsbildung ausschlaggebend, die unter dem Terminus "Jewish question" registriert wurden. Auch in den innerbritischen Diskussionen um die Repatriierung von Flüchtlingen war es darum gegangen, dass der quantitative Anteil von Juden und Jüdinnen an der Bevölkerung europäischer Nationalstaaten ein bestimmtes Niveau nicht überschreiten dürfe. Ein zu hoher Anteil wurde im britischen Diskurs als Risiko für die "Gesundheit" des politischen Körpers einer Nation betrachtet.

Das Herausstellen einzelner besonders übler Antisemiten unter österreichischen Politikern ist die eine Sache, die andere - viel tiefer gehende - ist die Kongruenz des strukturellen Antisemitismus der europäischen Nationalstaaten auch nach 1945. Dennoch gibt es auch hier Differenzen: Während man in Großbritannien über jüdische Bevölkerungsanteile diskutierte, äußerten Repräsentanten des neuen Österreich noch während der NS-Herrschaft bezüglich der Rückkehr von jüdischen Vertriebenen offenbar den Wunsch nach einer "Nulllösung". (Peter Pirker, DER STANDARD, 21.3.2013)

Peter Pirker, Historiker und Politikwissenschaftler, lehrt an der Universität Wien. Zuletzt erschienen: "Subversion deutscher Herrschaft. Der britische Kriegsgeheimdienst SOE und Österreich" (Vienna University Press, 2012).

Nachlese

Kurt Bauer: Der "Anschluss" und der Judenhass einer ÖVP-Ikone

Franz Schausberger: Der "Anschluss" und der Judenhass einer SPÖ-Ikone

  • Renner-Büste im Renner-Museum. Der Fokus auf mögliche oder tatsächliche antisemitische Umtriebe einzelner Politiker verfehlt die transnationale Dimension des Problems, meint Historiker Peter Pirker.
    foto: apa/rennermuseum.at

    Renner-Büste im Renner-Museum. Der Fokus auf mögliche oder tatsächliche antisemitische Umtriebe einzelner Politiker verfehlt die transnationale Dimension des Problems, meint Historiker Peter Pirker.

  • Peter Pirker: Personenbezogene Kritik greift zu kurz.
    foto: privat

    Peter Pirker: Personenbezogene Kritik greift zu kurz.

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