"Es wird die Europäer mehr kosten als die Russen"

Reportage20. März 2013, 18:39
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So groß ist auf Zypern die Verbitterung, dass manchen nun ein Wechsel ins russische Lager naheliegend erscheint

Dass zwei russische Künstler einen Gutteil seiner Galerie mit ihren Gemälden zupflastern, ist nun wirklich ein Zufall. Oder eigentlich nicht: Christofis Kikas mag sie - surreal der eine, Oleg Basajew; ein Landschaftsmaler mit einem Hang zum Ikonenhaften, George Gavriel, der andere. "Sie verkaufen zu sehr viel höheren Preisen in Moskau", sagt der Galerist, der ein altes Haus im Zentrum von Nikosia hat, an einer Ecke der Ledras-Straße, durch die der Weg hinüber in den türkischen Teil führt.

"Russland wird ein großer Akteur hier, weil Europa versagt hat", sagt Kikas bitter. Und dann erklärt er, wie die Stimmung nun ist auf der Insel seit dem Wochenende, das alles verändert hat. In ruhigen, wohlgesetzten Worten, zyprisch-britisch eben.

Bankrott und Verrat

Michalis Sarris ist zu dieser Zeit noch in Moskau. Der Finanzminister hat nichts ausrichten können. Noch nicht, aber Zypern wartete am Mittwoch wenn nicht auf die Erlösung, dann zumindest auf eine Idee, wie es aus diesem Albtraum von Staatsbankrott und europäischem Verrat herauskommt.

Gerüchte machen die Runde und werden immer größer: Die Russen zahlen einen Teil, nein, den ganzen Rettungskredit für Zypern, sie übernehmen die Popular Bank, eine der beiden leckgeschlagenen Großbanken, sie bekommen eine Marinebasis, alle Verträge über die Ausbeutung der Gasfelder vor der Küste werden zerrissen, die Gasprom kriegt sie alle.

"Die Russen wissen, was sie tun", sagt Kikas, der Galerist, "mit ein paar Milliarden können sie hier gut Fuß fassen, sind im Gasgeschäft und haben eine strategische Insel im Mittelmeer. Es wird die Europäer am Ende mehr kosten als die Russen." Die Entscheidung in Brüssel, Bankkonten auf Zypern zu schröpfen, werden sie auf der Insel nicht mehr vergessen. Die Finanzkrise trifft die Zyprioten schwer, erklärt Kikas, "aber sie sind noch viel mehr verärgert. Ich bin verärgert". Seit der nächtlichen Sitzung der Euro-Finanzminister sei klar: Die EU helfe nicht ihren schwachen Mitgliedern, sie zwinge ihnen Entscheidungen auf - "ungeachtet früherer Versicherungen", merkt der Galerist an, mit Blick auf die Einlagensicherung, die einst die EZB in Frankfurt gegeben hatte.

Die Makariou-III, eine der Einkaufsstraßen in Nikosia, ist wie leer gefegt. Mittwoch ist ohnehin für viele Boutiquen nur ein halber Arbeitstag, aber die Kunden fehlen. Verkäufer vertreiben sich ihre Zeit und richten die Auslagen her. Nur vor den Bankautomaten tummeln sich Menschen. Die Hälfte der Bildschirme zeigt "Außer Betrieb", doch Euroscheine lassen sich immer noch aus manchen Automaten ziehen. Den sechsten Tag werden die Banken an diesem Donnerstag geschlossen sein; es könnte noch bis nächste Woche so bleiben. Ein unglaublicher Zustand für die kleine Inselrepublik, die im vergangenen Jahrzehnt als internationales Finanzzentrum groß wurde.

"Alternative Quellen"

"Wir sind im Moment in einer Sackgasse", sagt ein Minister dem STANDARD am Telefon, "wir haben es als Regierung nicht geschafft, das Parlament vom Plan der Eurogruppe zu überzeugen." Er spricht von der "Möglichkeit, Geld durch alternative Quellen zu finden", ohne explizit die Russen zu nennen. Doch die Kreditgeber von EU und IWF sind nicht überzeugt: "Bis jetzt haben wir kein grünes Licht von der Troika."

So lange werde es auch keine neue Abstimmung im Parlament über einen Rettungsplan geben, sagt der Minister. Den gibt es schon, oder zumindest Teile davon. Ein drittes Mal hat die Regierung das Modell zur Zwangsabgabe aufgeweicht, so melden zypriotische Medien am Mittwoch: Einlagen bis 20.000 Euro bleiben frei, drei Prozent auf Beträge zwischen 20.000 und 100.000 Euro, darüber die 9,9 Prozent, wie in Brüssel vereinbart.

Ob es dafür eine Mehrheit im Parlament gibt, sei im Grunde derzeit nicht wichtig, sagt einer der Kommentatoren, die im Stundentakt in den Nachrichtensendungen herumgereicht werden: "Wir brauchen die große Lösung, kein Stückwerk. Und das sehr schnell." Während die Zeit verrinnt, sieht die Regierung das Risiko für die Eurozone. Die große Gefahr sei der Zusammenbruch der zwei Großbanken der Insel - Popular und Bank of Cyprus, warnt der Minister: "Das wäre ein Schock für das griechische Bankensystem." (Markus Bernath, DER STANDARD, 21.3.2013)

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    Nein zur EU und der Idee der Zwangsabgabe: Demonstranten vor dem Parlament in Nikosia jubelten nach dem Votum am Dienstag.
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