Intellektuelle Wertschöpfung des ORF-Fernsehens

20. März 2013, 17:54
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Der ORF beauftragte Wissenschafter für Kommunikation und Wirtschaft, seine Wirkung aufzuzeigen - Mit Wifo-Reaktion

Wien - Das Public-Value-Kompetenzzentrum in der ORF-Generaldirektion des ORF sieht sich nicht als Teil der Öffentlichkeitsarbeit.

Der ORF sucht derzeit eine Mehrheit im Nationalrat zu überzeugen, dass ihm die Republik auch über 2013 hinaus Gebührenbefreiungen abgilt.

Mittwoch präsentierte das ORF-Kompetenzzentrum mit Generaldirektor Alexander Wrabetz zwei Studien im Auftrag des öffentlich-rechtlichen Unternehmens über intellektuelle Wertschöpfung und volkswirtschaftliche Effekte des ORF-Fernsehens.

"Das ORF-Programm unterscheidet sich gravierend vom Angebot kommerzieller Sender", leitet Katharine Sarikakis ihre Präsentation ein. Die Kommunikationswissenschafterin am Wiener Publizistikinstitut verfasste die Studie mit Kollegen Fritz Hausjell.

Intellektuelle Wertschöpfung sei eine neue Dimension für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Fernsehen, sagt Hausjell. Die Wertschöpfung speist sich laut Studie aus kultureller Vielfalt, "Beitrag zur aktiven Gestaltung der selbstreflexiven Identität" und "innovativer Kreativität".

"Impulse für gesellschaftliche Entwicklung"

Selbst am von Privaten wiederbelebten Genre Talenteshow sieht Hausjell gravierende Unterschiede zwischen kommerziell und öffentlich-rechtlich. Der Kommerz setze auf Archetypen von Jugend, ja der "Jungfrau". Öffi-TV auf Kreativität und "Impulse für gesellschaftliche Entwicklung".

Drüben Penismaler. Hüben kann eine lesbische Sängerin gewinnen, eine bärtige Künstlerin weit kommen. Halt auch ein tanzender Hund. Selbst für exotischere Phänomene wie Motorengeräusche imitierende Heurigenwirte samt Krone-Kolumnist hat der ORF Platz. Laut Studie soll er " insbesondere auf unterrepräsentierte soziale Gruppen achten" und " gesellschaftliche Vielfalt in adäquater Weise reflektieren".

Unterhaltungsangebote für junge Menschen

Außer Geld will der ORF gerade vom Gesetzgeber, ihm Präsenz in Social Media zu erlauben. "Staat und Regulierungsbehörden sollten dem ORF ermöglichen, Kinder und junge Generationen durch digitale Technologien und Formate zu erreichen", sagt die Studie. "Gesetzgebung und Behörden sollten zusätzliche Mittel bereitstellen" für Unterhaltungsangebote für junge Menschen aller sozialen Schichten.

Oliver Fritz vom Wifo untersuchte wirtschaftliche Effekte, etwa touristische, anhand Winzerkönig und Vier Frauen und ein Todesfall. Bei einem offiziellen ORF-TV-Budget von 340 Millionen Euro kalkuliert die Studie mit 2011 insgesamt 676 Millionen Ausgaben für TV, daraus 1,82 Milliarden "gesamtwirtschaftlichem Produktionswert", 890 Millionen Beitrag zum Bruttosozialprodukt, rund 10.360 Vollzeitjobs, 205 Millionen Steuern, 176 Millionen Sozialversicherung, vor allem für Wien (62 Prozent) und Niederösterreich (15). Wrabetz und Finanzdirektor Richard Grasl klappern gerade Landeshauptleute ab und werben für Gebührenabgeltung.

52.000 Euro für Studien

Mikroökonomische Effekte für die Wissenschaft: 30.000 für die Wifo-Studie; 22.000 für die Publizistik.

Klaus Merten und Joachim Westerbarkey definierten Öffentlichkeitsarbeit 1994 als "Prozess zur Konstruktion erwünschter Wirklichkeit".

Der ORF stellte Kurzfassungen der Studien online, mehr vorerst nicht, hieß es auf Anfrage. (Harald Fidler, DER STANDARD, 21.3.2013)

Reaktion Wifo/Oliver Fritz

In dem Artikel werden die Ergebnisse unserer Studie zu den Wertschöpfungseffekten des ORF-Fernsehens meiner Meinung nach tendenziös wiedergegeben und damit der Ruf des WIFO sowie der an der Studie beteiligten Wissenschaftler beschädigt.

Konkret schreiben Sie zum einen, dass bei einem offiziellen Fernsehbudget des ORF von 340 Millionen Euro in der Studie ein Gesamtaufwand für das ORF-Fernsehen von 676 Millionen Euro – also fast das Doppelte – kalkuliert wird. Zum anderen wird unmittelbar nach stark verkürzter Beschreibung der Studienresultate und ohne jeden weiteren Kommentar ein Zitat von Klaus Merten und Joachim Westerbarkey wiedergegeben, in dem Öffentlichkeitsarbeit als „Prozess zur Konstruktion erwünschter Wirklichkeit“ beschrieben wird.

Dazu ist zu sagen, dass das WIFO als anerkanntes Wirtschaftsforschungsinstitut Studien immer nach wissenschaftlichen Standards durchführt und keine Gefälligkeitsgutachten erstellt, die den Auftraggebern der Studien dabei helfen sollen, eine „erwünschte“, sprich falsche Wirklichkeit in der Öffentlichkeit darzustellen. Dies gilt auch für die von Ihnen angesprochene Studie im Auftrag des ORF, für deren Inhalt ich die Verantwortung trage.

Der Gesamtaufwand für das ORF-Fernsehen wurde in Zusammenarbeit mit der Controlling-Abteilung des ORF berechnet, die uns eine detaillierte Aufstellung der Aufwendungen des Jahres 2011 nach zugekauften Gütern und Dienstleistungen sowie Personalaufwendungen inklusive Gemeinkostenzuschlägen zur Verfügung gestellt hat. Die volkswirtschaftlichen Effekte wurden auf Basis dieser Zahlen mit einem von WIFO und Joanneum Research gemeinsam entwickelten, sehr komplexen Simulationsmodell der österreichischen Wirtschaft berechnet. Es handelt sich dabei um ein in Fachkreisen anerkanntes wissenschaftliches Instrumentarium; das Modell wurde in wissenschaftlichen Publikationen im Detail beschrieben und kam bereits in zahlreichen wissenschaftlichen Studien des WIFO zur Anwendung.

Die Berechnung der touristischen Effekte zweier Fernsehserien erfolgt mit statistischen Standardmethoden auf Basis der offiziell von Statistik Austria publizierten Nächtigungsstatistik sowie Angaben des ORF zu den Verkäufen der Ausstrahlungsrechte an andere Stationen. Im Endbericht der Studie werden die Vorgangsweise und Ergebnisse aller in der Studie gemachten Berechnungen im Detail beschrieben, um die Nachvollziehbarkeit soweit wie möglich zu gewährleisten und die Wissenschaftlichkeit und Objektivität der Arbeit zu belegen. Zudem wird ausführlich darauf eingegangen, wie die Ergebnisse zu interpretieren sind.

Anm.

Leider erschloss sich offenbar aus meinem Text nicht genug, dass der Hinweis auf Öffentlichkeitarbeit am Anfang des Textes und die Definition von Öffentlichkeit am Ende des Textes eine Klammer bilden sollen. Die Definition von Öffentlichkeitsarbeit bezieht sich nicht auf die Studie des Wifo, die, wie erwähnt, der leider vorerst nicht gesamthaft zugänglich gemacht hat. Wir haben darum ersucht.

Die Angabe über das TV-Budget des ORF ist als ergänzende Information aus dem ORF zu sehen. Sie schließt naturgemäß nicht aus, dass der ORF neben diesen 340 Millionen Euro weiteres Geld aufbringt, um Fernsehen zu machen - man denke beispielsweise an die Gehälter und Pensionsbeiträge von Technikern und Anteilige Kosten des ORF-Managements. 

Mein Artikel über intellektuelle und wirtschaftliche Wertschöpfung maßt sich nicht an, die wissenschaftliche Tragfähigkeit und Aussagekraft der Studien in Zweifel zu ziehen, sondern versucht vielmehr, die Studien in den - schwer bestreitbaren - Kontext der politischen Bemühungen des ORF zu setzen - und wie er diese Studien einsetzt. (fid)

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zukunft.orf.at

  • In Talenteshows unterrepräsentierte Gruppen, hier: Michael Jeannée (" Krone") mit Heurigenwirt Martin Zimmermann.
    foto: orf/badzic

    In Talenteshows unterrepräsentierte Gruppen, hier: Michael Jeannée (" Krone") mit Heurigenwirt Martin Zimmermann.

  • Wirtschaftlich effektiv: "Winzerkönig" Harald Krassnitzer, Susanne Michel.
    foto: apa/dpa/dornberger

    Wirtschaftlich effektiv: "Winzerkönig" Harald Krassnitzer, Susanne Michel.

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