Bissiger Vamp statt Engel im Pelz

20. März 2013, 18:08
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Im Oktober jährt sich Meret Oppenheims Geburtstag zum 100. Mal: In Wien zeigt eine große Retrospektive ein vielfältiges Bild der faszinierenden Künstlerin

Wien - Geschenke an Verflossene auf dem Flohmarkt wiederzufinden gehört eher zu den bitteren Erfahrungen, die das Leben bereithält. Meret Oppenheim erlebte das, so will es die Anekdote, mit ihrem Gemälde Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich. 1934 hatte sie es ihrem Liebhaber Max Ernst geschenkt und auf der Rückseite mit "Hommage an Max Ernst" versehen. Eine Widmung, die nun energisch durchgestrichen ist. Verständlicherweise.

Das Bild ist eines von rund 200 Exponaten in der Jubiläumsausstellung zu Meret Oppenheim, deren Geburtstag sich am 6. Oktober zum 100. Mal jährt. Die erste museale Retrospektive der 1985 gestorbenen Künstlerin in Österreich (im Anschluss ist sie im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen) versucht sich an einem umfassenden und vor allem anderen Blick auf Oppenheim. Das heißt einem, der die Essenz ihres Oeuvres nicht immer wieder in der legendär gewordenen Pelztasse (Frühstück im Pelz, 1936) sucht.

Denn die Idee zu dem ihren Erfolg begründenden Objekt, so erzählt es eine andere Anekdote, könnte von Picasso stammen, der 1935 im Pariser Café de Flore Oppenheims pelzüberzogenen Armreif bewunderte. Und isoliert von den Dogmen der Surrealisten, für die Haar und Pelz erotischer Fetisch waren, will Oppenheims Arbeit schon gar niemand denken.

Trotziges in Fell

Tatsächlich verzichtete man in Wien auf die kostbare Leihgabe aus dem New Yorker Museum of Modern Art und zeigt stattdessen Oppenheims eigene Paraphrasierungen davon - etwa das männliche Gegenstück: ein Bierkrug mit Eichkätzchenschweif. Galeristen ermunterten sie, das Objekt als Multiple aufzulegen. Ihre trotzige Antwort: ein kitschiges Pelzfrühstück-Souvenir mit Edelweiß.

Sich von der Vereinnahmung durch die Surrealisten zu befreien, denen die rebellische junge Frau von 20 Lenzen in Paris begegnete, war jedoch dringend nötig. Der Kreis um André Breton sah in ihr das Ideal von Muse, Femme fatale und Kindfrau; das offenbaren nicht zuletzt Man Rays berühmte Akte Oppenheims - stilisierte Fotos, die durch malerische Akzente das Objekthafte des Körpers besonders heftig zutage treten lassen. Denn der erotische und phantasmatische Körper diente den latenten Sexisten als unverzichtbares Instrument, um mit Wahrnehmungs- und Darstellungskonventionen zu brechen.

Das Gedeihen einer eigenen künstlerischen Karriere Oppenheims betrachteten die Surrealisten jedoch mit spöttischem Argwohn; Ernst schrieb: "Das Weib ist ein mit weißem Marmor belegtes Brötchen. Wer überzieht die Suppenlöffel mit kostbarem Pelzwerk? Das Meretlein. Wer ist uns über den Kopf gewachsen? Das Meretlein."

Solche Verspeisungsvorschläge konterte Oppenheim Jahre später mit der Skulptur Bon appétit, Marcel! (Die weiße Königin): In der Mitte eines auf einem Schachbrett platzierten Gedecks liegt die Figur der Dame. In deren geöffneten Mitte klafft dank der Wirbelsäule eines Rebhuhns eine Vagina dentata. Auf dass die Surrealisten daran ersticken! Oppenheim hatte sich von der gesichtslosen, andächtigen Zuhörerin emanzipiert, als die sie sich 1933 porträtierte.

"Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie sich nehmen", sagt sie 1974. Worte eines unangepassten Geistes, dem C. G. Jung 1935 " künstlerisches Temperament" attestierte, dessen Unkonventionalität sich an der Wirklichkeit wohl noch abstoßen werde. Der Vater hatte die Tochter aus Sorge zum Psychiater geschickt. Meret notierte einen seiner Hinweise: "Man verlangt von allen Frauen, Engel zu sein." Ein Begehr, dem sie sich widersetzte.

Oppenheim folgte lieber C. G. Jungs Theorien über die zwei Geschlechter im Menschen - dem männlichen Geist, der weiblichen Natur - machte das Androgyne zu ihrem Ideal. Die Metamorphosen der Geschlechter, aber auch jene der Natur, Traum und Wirklichkeit, Erotik, Mythen und Spiele sind die Themen, die Oppenheim ihr Leben lang begleiten und nach denen Kuratorin Heike Eipeldauer auch die Kapitel der Schau arrangiert hat.

Eine Vielfalt aus Zeichnungen, Gemälden und Objekten wie den zusammengenähten Schuhen (Das Paar, 1956) oder dem sado-masochistischen, mit Bienen bedeckten Fahrradsattel. Arbeiten, die Künstlerinnen wie Birgit Jürgenssen inspirierten und nun das Bild einer faszinierenden Künstlerpersönlichkeit zeichnen. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 21.3.2013)

Arbeiten von Meret Oppenheim sind in Wien derzeit nicht nur im Kunstforum (bis 14.7) zu sehen. Auch die Galerie Krinzinger widmet der Künstlerin eine Solo-Präsentation (bis 5. 4.). Im Vorjahr zeigte man Editionen im Werk Oppenheims, aktuell sind es ihre Zeichnungen, entscheidendes künstlerische Ausdrucksmittel im Werk der Künstlerin. Darüber hinaus präsentiert die Galerie Fotografien, die Anna Blau von Meret Oppenheim gemacht hat.

Webtipps:
www.bankaustria-kunstforum.at
www.galerie-krinzinger.at

  • Wolkenbilder zählen zu Meret Oppenheims Beschäftigung mit dem Unsichtbaren: "La condition humaine" (1973) lieh Popikone David Bowie aus.
    foto: vbk, wien, 2013

    Wolkenbilder zählen zu Meret Oppenheims Beschäftigung mit dem Unsichtbaren: "La condition humaine" (1973) lieh Popikone David Bowie aus.

  • Die Künstlerin und die legendär gewordene Pelztasse.
    foto: vbk, wien, 2013

    Die Künstlerin und die legendär gewordene Pelztasse.

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