Fingerabdrücke einer "toxischen Männlichkeit"

20. März 2013, 18:33
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Die Vergewaltigung einer Schülerin in der US-Stadt Steubenville entfacht eine Debatte über eine Kultur, die "Vergewaltigung duldet, fördert und feiert"

Nach der besonders brutalen Vergewaltigung einer minderjährigen Schülerin in der US-Kleinstadt Steubenville im Bundesstaat Ohio (dieStandard.at berichtete) wurden die Täter am Montag zu einer Haftstrafe verurteilt. Die beiden Spieler der erfolgreichen örtlichen Footballmannschaft hatten ihre Tat im August 2012 gefilmt und anschließend in verschiedenen Sozialen Medien verbreitet. Das brachte schließlich auch die Behörden auf ihre Fährte.

Die digitalen Spuren zeigten, dass die Jugendlichen das weitgehend bewusstlose (weil betrunkene) Opfer über Stunden mit sich im Auto mitschleppten und immer wieder vergewaltigten. Besonders "lustig" erschien einem der Täter, dass die junge Frau dabei "wie tot" wirke. Als die Täter verhaftet wurden, begann auch die ehemalige Steubenville-Bewohnerin und Bloggerin Alexandria Goddard Internetrecherchen anzustellen.

Schon nach wenigen Stunden hatte sie rekonstruiert, welches Netz an Mitwissern sich hinter der Tat verbarg. Das Footballteam spielte dabei eine zentrale Rolle: Goddard konnte nachweisen, dass mehrere Teammitglieder bei der Vergewaltigung tatenlos zugesehen hatten und sich über Social-Media-Kanäle darüber nicht nur unterhielten, sondern belustigten und das Opfer diffamierten.

Fingerabdrücke der toxischen Männlichkeit

Rund um die Urteilsverkündung äußerten sich zahlreiche Kommentatorinnen zu diesem Fall. Die britische Journalistin (und "Fleischmarkt"-Autorin) Laurie Penny etwa fragte: "Was macht diese Männer so sicher im Glauben, es sei ihr unantastbares Recht, ihre Finger und ihre Schwänze in jeden Teil einer Frau stecken zu können?" Ernüchternd dann ihre Antwort: "Es ist die Vergewaltigungskultur und die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Kultur".

Es sei die "toxische Männlichkeit" (Toxic Masculinity), die zu solchen Taten führe, schrieb Jaclyn Friedman in ihrem Artikel über den Steubenville-Fall. Diese giftige Männlichkeit definiere sich nicht nur in Opposition zur Weiblichkeit, sondern zeichne sich gerade über die Dominanz von "weiblicher Schwäche" – nach dem Motto eines bekannten NFL-Quarterbacks: "Wir sagen zu Buben nicht 'seid Männer'. Wir sagen ihnen, sie sollen keine Frauen oder Schwule sein". Daraus sozialisieren sich Männer, die vorsätzlich Frauen untergraben und sich darüber auch noch freuen. "Diese Fingerabdrücke der toxischen Männlichkeit sind im Steubenville-Fall überall", lautete das Urteil von Friedman.

Die realen menschlichen Schrecken

Laurie Penny zog in ihrer Analyse einen Vergleich mit dem Abu Ghraib-Skandal. Die Bilder der US-SoldatInnen, die Gefangene im Krieg vergewaltigten, erniedrigten und demütigten, gingen damals um die Welt. Mit Steubenville werde die USA gezwungen, den "realen menschlichen Schrecken der Vergewaltigung und sexuellen Übergriffe, die zu Tausenden in unserer Gesellschaft stattfinden, ins Gesicht zu sehen". Die Bilder von Steubenville zeigten "nicht bloß eine Vergewaltigung einer jungen Frau. Sie zeigen, dass eine Vergewaltigung geduldet, gefördert und gefeiert wird. Welche Kultur sonst könnte solche Bilder produzieren?". Es sei die Vergewaltigungskultur.

Das Versagen von CNN

Wie weit diese Frauenverachtung geht und wie sie sich auch reproduziert und legitimiert, zeigte sich schließlich auch in der Medienberichterstattung zu diesem Fall. Vielfach wurde thematisiert, dass das Opfer volltrunken gewesen sei und damit eine "Mitschuld" an der Tat getragen hätte. In einem Fernsehbericht von CNN gab die Gerichtsreporterin ihr Mitgefühl für die verurteilten Täter zum Besten, die bei der Urteilsverkündung in Tränen ausgebrochen waren.

Vor Gericht bestand aufgrund der Beweise kein Zweifel daran, wer die Tat verübt hatte – immerhin gab es die Aufnahmen der Tat von den Tätern selbst. Und dennoch: Die Gerichtsreporterin, "sympathisierend mit den Sadisten", so Laurie Penny, durfte ihre Ergriffenheit, ihr Mitleid mit den Tätern ausdrücken. Durch das Urteil sei deren Leben zerstört worden. Über das Opfer fiel in ihrem Bericht kein Wort. (eks, dieStandard.at, 20.3.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Einer der Täter von Steubenville wird im Gerichtssaal getröstet.

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