Zehn Fragen an einen Feministen

Kolumne27. März 2013, 05:30
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Autor Nils Pickert nimmt es in seinem ersten Beitrag mit dem Advocatus Diaboli auf

Die Fragen stellt: Advocatus Diaboli, Alter unbekannt, Opportunist, Bedenkenträger, Mitläufer.

Es antwortet: Nils Pickert, 33, freier Autor und Journalist, Vater, Teilzeitrockträger, Vollzeitfeminist.

Advocatus Diaboli: Warum bezeichnen Sie sich als Feminist?

Nils Pickert: Ich interessiere mich für Menschenrechte und Gleichberechtigung. In seinem Kern geht es dem Feminismus nicht um Frauen und Männer – es geht ihm um Menschen und um Menschenwürde. Es geht darum, wie wir die Menschenwürde verletzen, wenn wir unser Gegenüber mit weniger Menschlichkeit behandeln als es verdient und wir aufbringen sollten. Da diese Verletzungen mehrheitlich nach wie vor auf Frauen abzielen und nach wie vor von Männern verübt werden, geht es im Feminismus immer noch hauptsächlich um die Rechte der Frauen.

Ist das nicht irgendwie total verknöchert und uncool?

Ach wissen sie, so uncool zu sein ist dann eigentlich auch schon wieder cool. Ich lasse mich auch nicht casten und mag es, Zeit mit meinen Kindern zu verbringen - wie uncool ist das denn? Jedenfalls verbringe ich meine Zeit lieber mit völlig uncoolen, durchschnittlichen Leuten, als total cool und außergewöhnlich mit hundert anderen einzigartigen Persönlichkeiten an einem Seil zu warten, um planmäßig den Mount Everest zu besteigen.

Feministischer Mann klingt sehr nach Black Hebrew oder ähnlichen Gruppierungen, bei denen Außenstehende sofort den Eindruck gewinnen müssen, dass sich hier Leute aus Geltungssucht zum Sprachrohr von Menschen machen, die doch besser für sich selbst sprechen sollten. Was kommt als nächstes: Beschwören Sie als Weißer mit zitternder Bürgerrechtsbewegungsstimme einen Traum?

Offensichtlich findet man  immer Gründe, nicht aktiv werden zu müssen. Das Argument, dass vorgeblich Nichtbetroffene den Betroffenen die Stimme nehmen, um sich selbst Gehör zu verschaffen, ist dabei das fadenscheinigste. Sie müssen ja nichts sagen. Aber den anderen die Stimme verbieten zu wollen, weil Sie Ihre eigene Bequemlichkeit besser ertragen, wenn alle anderen auch still sind, lässt Sie mehr als schlecht aussehen.

Glauben Sie ernsthaft, dass Frauen und Männer gleich sind?

Nein, nicht eine Sekunde lang. Ich sehe aber ein, dass der Feminismus aufgrund der Tatsache, dass vorgebliche Unterschiede, die mit absurden Biologismen und Sozialdarwinismus begründet wurden und werden, darauf hinweisen muss, wie unbewiesen und konstruiert diese Unterschiede sind. Ich glaube, wir alle sind auf der Basis essentieller Gemeinsamkeiten grundverschieden voneinander. Nationalität, Religion, Geschlecht, Ethnie, Vorlieben, Hobbies, was auch immer. Deshalb sollte nicht gleichgemacht, sondern gleichberechtigt werden.

Ist Feminismus nicht vor allem selbstreferenziell und damit beschäftigt, Feministinnen bezahlte Arbeit zu organisieren, indem bürokratische Ungetüme wie Gender Mainstreaming geschaffen werden?

Sie meinen so wie jede andere Form von Weltanschauung? Kann schon sein. Die katholische Kirche unterhält als Arbeitgeber ihre eigenen Kollektivverträge. So weit ist der Feminismus noch nicht. Aber jemandem, der aus Überzeugung Lobbyarbeit leistet, vorzuwerfen, dass er nicht auch für alle anderen Lobbyarbeit leistet, scheint mir doch ziemlich weltfremd.

Wieso ist Feminismus so männerfeindlich?

Ich fühle mich als Mann vom Feminismus nicht angefeindet. Die Frage sollte eher lauten, wie ich damit zurechtkomme, dass der Feminismus von mir als Mann verlangt, auf ungerechtfertigte Privilegien zu verzichten. Mir passt das ausgezeichnet. Wenn ich mir nämlich nicht andauernd etwas nehme, was mir nicht zusteht, wirken notwendige Appelle an den Stellen, wo Männer massiv benachteiligt werden, einfach glaubhafter. Wer immer dreiviertel vom Kuchen isst, muss sich anschließend nicht wundern, dass alle anderen, die auch was haben wollten, einem nicht glauben, dass er nicht geschmeckt hat und man bei anderen Mahlzeiten auch oft zu wenig bekommt.

Hassen Sie Männer?

Nein, überhaupt nicht. Ich komme nur nicht besonders gut mit Arschlöchern klar. In meiner Welt ist der überwiegende Teil von Arschlöchern männlichen Geschlechts. Ich weiß allerdings nicht, wie das in Ihrer Welt aussieht.

Glauben Sie, Frauen finden es gut, dass Sie als Mann sich auf ihre Seite stellen?

Ich habe da ganz positive Erfahrungen gemacht. Aber ich wäre beispielsweise auch gegen Folter, wenn Folteropfer mich doof finden oder ich sie doof finde. Ich bin ja nicht dagegen, weil ich mich vor den Opfern wichtigtun will, sondern weil ich aufgrund meiner Überzeugung den Tätern sagen möchte, dass sie das gefälligst mal lassen sollen.

Kommen Sie als feministischer Journalist nicht in die Schwierigkeit, dass Ihre Artikel zu tendenziös geraten? Was ist mit dem Grundsatz, dass sich ein guter Journalist nie mit einer Sache gemein macht, auch nicht mit einer guten?

Wenigstens lasse ich die Leute über meine Motive nicht im Unklaren. Ich kündige also an, mich mit einer Sache gemein zu machen. Der Journalist, von dem dieses Zitat stammt, hat übrigens Tierfilme mit dem Anspruch gedreht, Menschen aufzuklären und die Welt zu verbessern. Vielleicht haben Sie ihn einfach falsch verstanden.

Sind Sie schwul?

Wieso, haben Sie den Eindruck, mich schwul finden zu müssen? Also ich bin mindestens so schwul wie George Clooney. Falls Sie es ganz genau wissen wollen, fragen Sie einfach ihn. (Nils Pickert, dieStandard.at, 27.3.2013)

Neue Kolumne: "Mann könnte ja mal ..."

Eine Männer-Kolumne auf einer feministischen Seite? Ja, das gehen wir jetzt einmal an, weil die Emanzipation von Frauen auch die von Männern braucht. Gastautor Nils Pickert wird bei uns ab jetzt regelmäßig zu Geschlechterthemen schreiben.

  • Fragen an den Feministen: Ist das nicht irgendwie total verknöchert und uncool?
    foto: ap/christof stache

    Fragen an den Feministen: Ist das nicht irgendwie total verknöchert und uncool?

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