Neues Lehrerdienstrecht: Zweiklassengesellschaft droht

Leserkommentar20. März 2013, 16:35
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Einschätzungen eines Lehrers zur Entstehung des LehrerInnendienstrechts

Ende März 2013 ist der letztmögliche Termin, um ein neues Dienstrecht für neu eintretende Lehrkräfte noch in der laufenden Legislaturperiode zu realisieren. Bis vor kurzem schien eine Einigung zwischen RegierungsvertreterInnen und Gewerkschaft unmöglich. Die Regierung beharrte auf einer Anhebung der wöchentlichen Unterrichtszeit auf 24 Stunden für alle LehrerInnen, was eine Arbeitszeiterhöhung von zwei Stunden (Volkschule) bis zu vier Stunden und mehr (AHS und weiterführende Schulen) bedeuten würde. Die Gewerkschaft lehnte dies ab. Sie bezeichnet den Vorschlag zurecht als Sparpaket auf Kosten der LehrerInnen.

Angesichts des Nahens der Deadline wird dieser - nicht unbeträchtliche - Gegensatz auf wundersame Weise überbrückbar. Es ist zu erfahren, dass ein Verhandlungsergebnis, ein Kompromiss, sich abzeichnet. Der aktuelle Verhandlungsstand wird natürlich geheimgehalten. Die Verhandlungen finden ja unter Auschluss der Öffentlichkeit statt, so wie Ministerin Schmied dies im Mai 2011 mit dem damaligen Gewerkschaftsvorsitzenden Riegler vereinbart hat.

Nachdem also mehr als 20 Verhandlungsmonate ergebnislos verstrichen sind, kommt es innerhalb weniger Wochen nicht nur zu einer Annäherung, sondern auch gleich zu einem fixfertigen Verhandlungsergebnis. Mit der Verkündung des Ergebnisses wird noch ein paar Tage zugewartet. Kurz vor Fristablauf werden dann die Betroffenen vor vollendete Tatsachen gestellt. Ein entsprechender Gesetzentwurf geht an den Nationalrat.

Keine Kommunikation

Die VerhandlungspartnerInnen gratulieren einander und sich selbst zu dem tragfähigen Kompromiss. Eine öffentliche Diskussion ist aufgrund des enormen Zeitdrucks "leider" nicht möglich. Auch in den Gremien der Lehrer/innen Gewerkschaften kann das Ergebnis nicht behandelt mehr werden. So ein Pech. Die Zustimmung der Gewerkschaftsvorsitzenden erfolgt quasi Kraft ihres Amtes. Dass die Gewerkschaftsmitglieder nicht informiert werden, erscheint angesichts dessen fast selbstverständlich.

Die Tatsache, dass der angeblichen Hochdruckentscheidung ein 20-monatiger Geheimleerlauf voranging, bleibt unerwähnt. Sie soll dem Vergessen anheimfallen. Regierung und Gewerkschaft sind gleichermaßen zufrieden und erleichtert. Erstere, weil es es ihr gelungen ist, noch rechtzeitig Verschlechterungen für neue Lehrkräfte zustandezubringen. Die Zweiten nehmen für sich in Anspruch, wieder einmal "Schlimmeres verhindert" zu haben.

Die Folgen

Das neue Dienstrecht wird sehr wahrscheinlich eine Zweiklassengesellschaft an Österreichs Schulen zur Folge haben. Die neuen Lehrkräfte werden gegenüber den alten schlechter gestellt sein. Langfristig bringt dies einen erheblichen Einsparungseffekt, zur Verbesserung der Schulqualität wird es sicher nicht beitragen, schon allein wegen der miesen Stimmung, die dadurch enstehen wird.

Die NeueinsteigerInnen werden einer höheren Arbeitsbelastung ausgesetzt und wahrscheinlich mit der Nase darauf gestoßen, dass es die alten Lehrkräfte besser haben. Letztere werden sich wohl künftig bei jeder Gelegenheit anhören müssen, wie privilegiert sie doch sind. Kurz: Beste Voraussetzungen für Schulreformen sind geschaffen. Besonders Themen wie "Chancengleichheit" oder "soziale Gerechtigkeit" können nunmehr mit hohen Erfolgsaussichten angegangen werden.

Der Regierung gelingt ein weiterer Einsparungsschnitt im Bildungsbereich. Die Gewerkschaft, die wenn es denn sein muss, nur aus einer Handvoll Vorsitzender besteht, nickt "noch Erträgliches" ab, um "Schlimmeres" zu verhindern.

Diejenigen, die das ausbaden müssen:

1. Die neu eintretenden LehrerInnen, die mit voller Absicht benachteiligt werden.

2. Die SchülerInnen. Sie werden entweder von Lehrkräften unterrichtet, die unerfahren, höherbelastet und deshalb verärgert sind, oder von solchen, die älter, angeblich privilegiert und deshalb verärgert sind.

3. Die alten LehrerInnen, die sehr bald einen Rechtfertigungsdruck für ihre "Privilegiertheit" zu spüren bekommen werden.

Bald wissen wir, ob es wirklich dazu kommt.

PS: Ich hoffe, dass ich mich irre und alles ganz anders kommt. (Andreas Chvatal, Leserkommentar, derStandard.at, 20.3.2013)

Andreas Chvatal ist Hauptschullehrer in Wien und Mitglied der Bundesleitung der Gewerkschaft Pflichtschullehrer und Pflichtschullehrerinnen.

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