Das Mädchen, das dem Irakkrieg ein Gesicht gab

20. März 2013, 14:45
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Bis heute leidet die 14-jährige Samar Hassan unter den Erinnerungen an den Tod ihrer Eltern - Ihr Bild ging 2005 um die Welt

Der Krieg der "Koalition der Willigen" ging in sein drittes Jahr, als ihm ein sechsjähriges Mädchen in der Dämmerung des 18. Jänner 2005 sein tragisches Gesicht verlieh. Ihr Name: Samar Hassan. Gerade war die Ausgangssperre in der nordirakischen Turkmenenstadt Tal Afar in Kraft getreten, mit der die nervösen Besatzer der Terrorwelle Herr zu werden versuchten. Der Moment, an dem Samars Welt in sich zusammenbrach, dauerte nur nur wenige Sekunden.

Tödliche Schüsse

Die Hassans kamen vom städtischen Krankenhaus, Samars Bruder Rakan war dort behandelt worden, die Familie wollte heim, weg von den unsicheren Straßen des nächtlichen Tal Afar. Das Auto fuhr auf einen Kontrollposten der US-Armee zu, Samars Vater bremste nicht, sondern stieg aufs Gaspedal. Die Soldaten reagierten panisch. Ein Suizidattentat? Schüsse fallen, der Wagen kommt zum stehen, zwei Menschen sind tot, ein kleiner Bub schwer verletzt. Samar steht neben ihren beiden unverletzt gebliebenen Schwestern und beweint ihre getöteten Eltern.

In eben jenem Moment enstand ein Foto, das um die Welt ging - und heute sinnbildlich für die Gräuel des Irakkriegs steht. US-Fotograf Chris Hondros, der später im Libyenkrieg ums Leben kommen sollte, verlor seine Akkreditierung als "Embedded Journalist", nachdem er die weinende Samar abgelichtet hatte. "Wir haben nur Kugeln gehört. Meine Mutter und mein Vater wurden getötet, einfach so", erzählt das Mädchen, dessen Gesicht auf dem berühmt gewordenen Foto des US-Starfotografen Chris Hondros voller Entsetzen in die Kamera blickt.

Embedded journalists

Erst im Mai 2011, als ein Journalist der "New York Times" auf dem Sofa der Familie Platz nahm und seinen Laptop aufklappte, bekam die damals Zwölfjährige das Bild zu Gesicht. Und während sich in dem eilig aufgenommenen Schnappschuss wie kaum sonst wo die zutiefst menschliche Tragödie des Krieges im Zweistromland spiegelt, steht Samar Hassan heute, zehn Jahre nach Beginn des Krieges, mit leeren Händen da.

Dem "New York Times"-Reporter erzählt sie, dass 2008 das Haus der Familie durch eine Bombenexplosion schwer beschädigt wurde. Es heißt, Terroristen hätten sich an der turkmenischen Familie gerächt, weil sie Samars Bruder, der durch die Schüsse auf ihre Eltern verletzt wurde, in den USA behandeln ließ. Schwere Traumata hätten die Ärzte bei den Hassan-Kindern diagnostiziert, erzählt ihr Onkel. Noch Jahre nach dem Tod ihrer Eltern bekämen sie Tabletten gegen die Erinnerungen an jenen Tag im Jänner 2005.

Acht Jahre sind seither ins Land gezogen, der Irak hat Terrorwellen kommen und gehen sehen, und die amerikanischen Truppen sind seit Ende 2011 abgezogen. Samar Hassans Welt liegt noch immer in Scherben. Einmal mehr steht die heute 14-Jährige Pate für das Leid der irakischen Zivilbevölkerung. (flon, derStandard.at, 20.3.2013)

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    Zehn Jahre nach Beginn der Irak-Invasion haben Fotografen die heute 14-Jährige erneut besucht.

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    Gemeinsam mit ihrer Schwester betrachtet Samar Hassan (re.) ein Foto des zerstörten Autos der Familie.

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