Königin, Hure, Opfer

19. März 2013, 20:17
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Historikerin Sarah Bundschuh untersuchte das wechselhafte Image von Anne Boleyn

Fast 480 Jahre nach ihrer Hinrichtung zählt Anne Boleyn, die zweite der sechs Ehefrauen Heinrich VIII., zu den historischen Superstars. Aus gutem Grund, denn ihre Geschichte bietet alle Zutaten für eine würzige Seifenoper: Wegen ihr ließ sich der englische König von seiner Frau Katharina von Aragón scheiden, nahm den Bruch mit der römisch-katholischen Kirche in Kauf und legte so den Grundstein der Anglikanischen Kirche. Als Anne statt des dringend erwarteten Thronfolgers "nur" eine Tochter zur Welt brachte, ließ er sie im Tower enthaupten. Zur Rechtfertigung wurde Anne Boleyn des Verrats, des Ehebruchs und sogar des Inzests mit ihrem Bruder beschuldigt.

"In der Geschichtsschreibung wird sie jedoch sehr bald als Opfer wahrgenommen, da die Anschuldigungen leicht zu widerlegen waren", erklärt Sarah Bundschuh. Von diesem Opfermythos war in den Wochen vor und nach ihrer Hinrichtung am 19. Mai 1536 allerdings noch keine Rede, wie die 27-jährige Historikerin in ihrem Buch Ab mit dem Kopf! Die Wahrnehmung der Hinrichtung Anne Boleyns belegen kann. 73 Briefe, die Zeitgenossen der geköpften Königin zwischen Jänner und Juni 1536 in diesem Zusammenhang schrieben, hat Sarah Bundschuh dafür analysiert. Der größte Teil davon stammt aus dem höfischen Umfeld - allerdings nicht von Vertrauten der in Ungnade Gefallenen, sondern vor allem von Mitgliedern der feindlichen Katharina-Fraktion. "Nachdem sich Heinrich nach einer zweiten Fehlgeburt Ende Jänner von Anne abgewandt hatte, war die Haltung am Hof ihr gegenüber generell negativ."

Das spiegelt sich in diesen Korrespondenzen deutlich wider: So wurde sie neben "Königin" häufig auch als "Konkubine", "Hure", manchmal sogar als " Teufel" und "böse Frau" oder einfach als "diese Frau" bezeichnet. Erst in den letzten Tagen vor ihrem Tod wird der Blick des Hofes etwas milder: "In den Berichten über die Hinrichtung wird Anne als fromme und heldenhafte Frau stilisiert. Dennoch bleibt sie in der Wahrnehmung ihrer Zeitgenossen die Konkubine des Königs, die mit ihm das englische Volk verraten habe. "Dieses Stereotyp kippt erst in der Regierungszeit ihrer Tochter Elisabeth I.", sagt Sarah Bundschuh.

Nach ihrem Ausflug in die turbulente Geschichte der Tudors ist die junge Historikerin aus dem weststeirischen Schwanberg im Rahmen ihrer Dissertation übrigens wieder in heimischen Gefilden zugange - und zwar in den Inventarlisten der Grazer Linie der Adelsfamilie Attems. "Die Attems sind ein völlig neuer Themenbereich für mich, in dem es vielleicht nicht ganz so dramatisch zugeht wie bei den alten Tudors - aber ich liebe die Arbeit mit den Quellen. Man weiß ja nie, worauf man stoßen wird".

Die intellektuelle Abenteuerlust, die aus dieser Begeisterung für die Grundlagentexte der Forschung hervorblitzt, hat Sarah Bundschuh bereits bis zu den Hieroglyphen getragen: "Die habe ich im Rahmen meines Ägyptologiestudiums zu entziffern gelernt", sagt sie. Nach zwei Wiener Jahren aber brach eine noch stärkere Neigung in Richtung europäische Geschichte durch, und diese führte die begeisterte Pubquiz-Queen nach Graz. Was nach der Familie Attems auf dem Programm steht? " Wissenschaftlich weiterarbeiten wäre natürlich mein Traum - an der Uni, in einem Archiv oder einem Museum." (Doris Griesser, DER STANDARD, 20.03.2013)

  • Sarah Bundschuh interessiert sich für Geschichtsbilder.
    foto: privat

    Sarah Bundschuh interessiert sich für Geschichtsbilder.

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