Das Auge im All über dem Marchfeld

20. März 2013, 11:46
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Die Gemüsekiste Österreichs ist von künstlicher Bewässerung abhängig - Ein Forscherteam will den Bauern mithilfe von Satellitenbildern helfen, Wasser zu sparen

2012 war ein hartes Jahr für die Bauern im Marchfeld. Zu warm und zu trocken war es, dazu kamen Spätfrost und Hagel. Bei der Messstation Deutsch-Wagram lag die Niederschlagsmenge mit 499 Millimetern wieder einmal hinter dem Durchschnittswert von 534 Millimetern. Zum Vergleich: Im Österreich-Schnitt sind es 1170.

"Wir mussten ertragserhaltend arbeiten statt ertragssteigernd", beteuert Manfred Zörnpfenning, der als Obmann der Bauernkammer im Bezirk Gänserndorf an die 1700 Landwirte vertritt. Etwa die Hälfte davon ist auf Bewässerungsanlagen angewiesen, besonders die Gemüsebauern. Der Wasserbedarf im Marchfeld schwankt stark - 20 bis 40 Millionen Kubikmeter werden jährlich aus dem Grundwasser entnommen und auf die Äcker geleitet, insgesamt werden rund 40.000 Hektar künstlich bewässert. Verbunden ist dies mit einem großen Ressourcen- und Energieaufwand - etwa für dieselbetriebene Wasserpumpen.

Ende vergangener Woche fanden sich Bauernvertreter sowie ein paar Dutzend Landwirte in Deutsch-Wagram ein, um zu hören, welche Lösung die Wissenschaft parat hat, um die Bewässerung schonender zu gestalten - und was das alles mit dem Weltall zu tun hat. Eine Forschergruppe der Wiener Universität für Bodenkultur (Boku) trat an, um "EO4Water" vorzustellen, ein Projekt, das durch das Weltraumprogramm Asap des Verkehrsministeriums gefördert wird.

Mithilfe von Satellitenbildern und aktuellen Wetterdaten wollen die Wissenschafter den Bauern exakte Informationen darüber bereitstellen, wie viel Wasser ihre Pflanzen gerade benötigen. Statt also wie bisher allein auf Erfahrung und überliefertes Wissen zu vertrauen, sollen die Bauern nun über den Umweg durch das All direkt in ihre Felder blicken können. Seit Juni vergangenen Jahres haben die Forscher anhand von fünf Betrieben die Software erprobt. Nun gilt es, möglichst viele Bauern von dem System zu überzeugen, um es im buchstäblichen Feldversuch testen und verbessern zu können.

"Wir verwenden Satellitenbilder, die nicht nur den sichtbaren Bereich, sondern auch die Infrarotstrahlung aufnehmen", erklärt Projektmitarbeiter Nikolaus Neugebauer vom Institut für Vermessung, Fernerkundung und Landinformation der Boku. "Pflanzen strahlen Infrarot zurück, und daran kann man erkennen, in welchem Entwicklungszustand sie sind." Neugebauer zeigt eine Abfolge von Satellitenaufnahmen, in denen sich der Fleckerlteppich aus Feldern unterschiedlich schnell von Rot zu Grün verfärbt - je nachdem, wie schnell Mais, Zuckerrüben und Karotten wachsen.

Wasserbedarf per SMS

Der Wasserbedarf lässt sich allein aus der Masse der Pflanzen ermitteln. Die Werte aus den Satellitenbildern, die alle sieben bis zehn Tage neu aufgenommen werden, kombinieren die Forscher mit täglichen Wetterdaten wie Niederschlag, Temperatur, Wind, Sonneneinstrahlung. Daraus errechnen sie, wie viel Wasser eine bestimmte Fläche gerade braucht. Den Wert bekommt der Bauer direkt per SMS oder Mail aufs Handy oder den Computer. Zusätzlich zeigen verschiedene Grafiken die Entwicklung über längere Zeiträume, wie Neugebauer demonstriert. "Schätzungen aus anderen Projekten zufolge können so bis zu 20 Prozent des Wasserverbrauchs reduziert werden", schildert er.

Ein einfaches Konzept - fast zu einfach für viele der anwesenden Bauern. " Bei starkem Wind brauche ich nicht zu bewässern, da wird ein Großteil verweht", wirft Hermann Weiß ein, der Gemüse, Zuckerrüben, Getreide und Saatmais anbaut. Andere wenden ein, dass die Bewässerung stark von der Art des Bodens und der Pflanzenart abhängig ist und das Programm den jeweiligen Bedarf ausrechnet, ohne die tatsächliche Bewässerung miteinzubeziehen.

"Genau solche Inputs brauchen wir", erwidert Neugebauer und betont: "Was wir zur Verfügung stellen, ist nur eine Information, so wie der Wetterbericht." Das System sei aber ausbaufähig: So werden neue Erdbeobachtungssatelliten des Copernicus-Programms der EU die Messung des Bodenwassergehalts möglich machen, auch Berechnungen des Düngereinsatzes und Ertragsabschätzungen wären denkbar.

Trotz einiger Skepsis zeigen sich die Bauern interessiert und nehmen die Gelegenheit wahr, die Software auszuprobieren und sich als Testpersonen anzumelden. "Der Bauer muss weiter mitdenken und mitrechnen", sagt Herbert Prossenitsch, Landwirt und Obmann der Wassergenossenschaft Zwerndorf. "Auch wenn es noch einiges auszufeilen gibt, sehe ich eine Zukunft darin."

Immerhin sind ähnliche Anwendungen bereits in Italien, Portugal und Spanien als kommerzielle Produkte im Einsatz, wie Projektleiter Francesco Vuolo von der Boku berichtet. Er war an der Entwicklung der EU-geförderten Software durch ein Spin-off der Universität Neapel beteiligt. "Es dauerte mehrere Jahre, bis wir den Bauern klarmachen konnten, dass wir uns nicht in ihre Arbeit einmischen, sondern ihnen Technologie möglichst benutzerfreundlich bereitstellen wollen", sagt Vuolo.

Die Marchfelder Bauern sind möglicherweise technikaffiner als gedacht: " Ich kann mir gut vorstellen, eine Zeitlang vor dem Computer zu verbringen, wenn es Einsparungen bringt", sagt Stefan Staudinger. Er stellt sich als Tester zur Verfügung - so wie bisher knapp 20 andere Bauern auch. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 20.03.2013)

=> Wissen: Jahr des Wassers

  • Das Marchfeld, eingequetscht zwischen Wien und Bratislava, am 30. Juni 2012. In der Falschfarben-Infrarotdarstellung erscheint die Vegetation in Rot.
    foto: eo4water

    Das Marchfeld, eingequetscht zwischen Wien und Bratislava, am 30. Juni 2012. In der Falschfarben-Infrarotdarstellung erscheint die Vegetation in Rot.

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