"Es ist wurscht, welche Schuhe der Papst trägt"

Interview19. März 2013, 19:54
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Clemens Sedmak war bewegt über die Demut von Papst Franziskus - Der Wissenschafter und Katholik glaubt aber auch, dass man die Rolle des neuen Kirchenoberhaupts hinterfragen muss

STANDARD: Herr Professor Sedmak, Sie sind Wissenschafter und Katholik ...

Sedmak: Was sich ja nicht notwendigerweise ausschließt.

STANDARD: Sicher nicht. Aber beginnen wir einmal vorwissenschaftlich. Was war denn vergangene Woche Ihre spontane Reaktion als Kirchenmitglied?

Sedmak: Sie meinen die kleine Versammlung in Rom, die einen Argentinier in Position gebracht hat? Ich fand die ersten zehn Minuten sehr berührend und bewegend. Schon allein, wie Franziskus angefangen hat mit dem "Guten Abend", mit dem Gebet für den Vorgänger, wie er darauf achtete, sich segnen zu lassen, bevor er die Leute segnet. Ich war sehr bewegt.

STANDARD: Da hat jemand gleich ein paar Dinge richtig gemacht?

Sedmak: Es war wirklich beeindruckend, dass er mit einer souveränen Demut auf dem Balkon stand. Er ist kein Selbstdarsteller, der Energie aus der Menge zieht, und er wirkt dabei nicht wie jemand, von dem zu fürchten ist, dass er unter der Last des Amtes zusammenbräche. Dieses sehr Menschliche, Einfache, Nüchterne, mit dem er sich auch als Bischof von Rom vorgestellt hat, fiel auf. Theologisch gesprochen, achtete er auf den Primat des Segens Gottes vor dem Segen, den er erteilen kann - also auf das allgemeine Priestertum. Und führungsethisch-säkular gesprochen akzentuierte er die Abhängigkeit einer Person mit Verantwortung von den Menschen, die dieser Person anvertraut sind.

STANDARD: Welchen Papst braucht denn die Kirche im Moment?

Sedmak: Sie braucht einen Papst, der eine lebendige Gottesbeziehung hat. Nun werden manche sagen: Das ist doch selbstverständlich! Ich bin da nicht sicher. Gemeint ist damit ja ein Wissen, dass Gott nicht eingekastelt werden kann, dass etwas Überraschendes passieren kann. Auf dieser Grundlage braucht es nach innen auf jeden Fall eine Reform der Kurie, nach außen ein Zugehen auf die Welt. Benedikt XVI. hat in seiner Rücktrittserklärung ja angedeutet, dass ihm dazu die Kraft fehlt.

STANDARD: Er hat wohl doch am liebsten Bücher geschrieben?

Sedmak: Ich habe ja auch das erste Jesus-Buch von Benedikt besprochen, aber ich war mir nie ganz sicher, ob das so glücklich ist, dass der Papst als Privatperson theologisch veröffentlicht. Es ist sicher besser, wenn der neue Papst nicht so publiziert, weil das eigentlich einen Wirbel hineinbringt.

STANDARD: Als Theologe ist Bergoglio ja ohnehin nicht so hervorgetreten.

Sedmak: Und ist das nicht eine Erleichterung? Dass man nicht bei jedem Treffen eine innerliche Fußnote anbringen muss, wie gescheit der Papst nicht ist!

STANDARD: Auffällig wurde Franziskus allerdings mit einer Aussage, in der er den Teufel ins Spiel brachte.

Sedmak: Ignatius von Loyola, der ja dem neuen Papst nicht ganz unbekannt sein dürfte, hat einmal gesagt, dass man sehr vorsichtig sein sollte, öffentlich von Dingen zu sprechen, die die Menschen verwirren könnten. Eine erhobene Augenbraue hat die Aussage von Franziskus also in mir hervorgerufen. Ich maße mir nicht an zu sagen, das ist ein Blödsinn, aber ich bin sehr vorsichtig mit solchen Ontologisierungen des Bösen.

STANDARD: Theologisch steckt in der Aussage ja eine klassische Zwei-Reiche-Lehre.

Sedmak: Eben. Und da sehe ich doch, dass wir jetzt ein kraftvolles Zugehen auf die Welt brauchen, nicht eine, wie soll ich sagen, Akzelerierung der Entweltlichung, die auch Benedikt XVI. in seiner Freiburger Rede ein bisschen angedeutet hat. Da steckt ein Augustinismus dahinter, der mir als Aristoteles-Freund nicht so vertraut ist. Mein verehrter Lehrer Vladimir Richter war Experte für Johannes Duns Scotus, das ist übrigens franziskanische Theologie. Da ist das Individuum das Entscheidende, der Wille hat den Primat über den Intellekt. Das liegt mir definitiv näher als Platonismus oder Neuplatonismus, wobei mich aber wundern würde, wenn sich das bei Franziskus in diese Richtung verdeutlichen würde.

STANDARD: Was bedeutet Papst Franziskus denn für säkularisierte, skeptische Gesellschaften im Westen?

Sedmak: Für uns ist es auf jeden Fall erfrischend, dass da jemand kommt, der an die Macht der Zeichen glaubt. Im Grunde ist es ja wurscht, ob der Papst rote Schuhe trägt oder nicht. Aber eine gewisse protokollarische Unberechenbarkeit zeugt doch davon, dass er vielleicht den Mut hat, Dinge mit einer Arglosigkeit anzusprechen, die wir uns in einer gewissen Intellektualisierung gar nicht mehr zutrauen. Dabei sollten wir ihn intellektuell nicht unterschätzen. Er war in sehr jungen Jahren Novizenmeister bei den Jesuiten. Das wird nicht jeder. Er ist also sicher auch mit sehr nüchternem Verstand ausgestattet und wird in der Lage sein, bei den Führungsentscheidungen das eine oder andere in die richtige Richtung lenken.

STANDARD: Bergoglios Rolle in Argentinien während der Militärdiktatur wird sicher weiterhin untersucht werden. Könnte da noch was kommen?

Sedmak: Das ist nicht auszuschließen. Bergoglio hatte damals eine Führungsposition, er musste Entscheidungen treffen in einem sehr schwierigen Umfeld. Da gilt das Adorno-Wort: Es kann das Echte nicht im Unechten geben. Wenn die Rahmenbedingungen sind, wie sie sind, dann ist es kaum denkbar, sich nicht irgendwie einmal verdächtig zu machen. Es steht mir nicht zu, zu beurteilen, wie Argentinien in den 1970er-Jahren sich für einen Ordensprovinzial dargestellt hat. Ich weiß nur, dass bei den Jesuiten die Verantwortung für die Provinz im Ganzen im Mittelpunkt steht.

STANDARD: Könnte die Entscheidung für Bergoglio ähnlich epochale Wirkung haben wie die, die vor 50 Jahren Johannes XXIII. ins Amt brachte?

Sedmak: Ich habe jetzt schon mehrfach gehört, dass jemand gesagt hat: Na ja, wenn er es überlebt (lacht). Johannes XXIII. hatte nie an eine Karriere gedacht, und er hatte ein sehr gutes Prinzip: Weniger ist mehr. Das hat er durchgezogen. Er stieß eine Kirchenrechtsreform und ein Konzil an. So ähnlich stelle ich mir das für Franziskus auch vor. Eine Erneuerung des Geistes bedeutet nicht notwendigerweise ein drittes Vatikanum. Er müsste nur ein wenig an der Schraube der kollegialen Führung drehen, allein das wäre ein ganz großer Schritt. Hauptaufgabe eines Bischofs ist nicht, die Weisungen aus Rom zu befolgen, sondern umgekehrt die Anliegen einer Diözese nach Rom zu tragen.

STANDARD: Sie leben und arbeiten ja in London, einer äußerst weltlichen Großstadt. Ist denn der allgemeine Glaubensschwund überhaupt aufzuhalten?

Sedmak: Ich beobachte weniger einen Glaubensschwund als vielmehr einen Religionsschwund. Ich erlebe schon sehr viel Sehnsucht bei den Leuten. Der Besuch von Benedikt XVI. in England 2010 war ein unglaublicher Erfolg. Die Zukunft liegt bei VIPs: "very inspiring people", bei Leuten, die etwas glaubhaft leben. Der Hunger der Leute ist groß.  (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 20.03.2013)


Clemens Sedmak (41), geboren in Bad Ischl in Oberösterreich, promovierte an den Universitäten von Innsbruck und Linz in den Fächern Philosophie, Theologie und Sozialtheorie. Danach ging er für Studienaufenthalte nach New York und an die ETH Zürich. Derzeit ist er Theologe und Philosoph am Kings College der University of London. Er leitet außerdem das Zentrum für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg. Gemeinsam mit Christian Resch veröffentlichte er zuletzt das Buch "Wie man (vielleicht) in den Himmel kommt" im Ecowin-Verlag.

  • Das Fenster des Apostolischen Palasts: Vier Tage nach seiner Wahl sprach Papst Franziskus sein erstes Angelus-Gebet.
    foto: apa/epa/ettore ferrari

    Das Fenster des Apostolischen Palasts: Vier Tage nach seiner Wahl sprach Papst Franziskus sein erstes Angelus-Gebet.

  • Clemens Sedmak: "Die Zukunft liegt bei VIPs, 'very inspiring people'. Leute, die etwas glaubhaft leben."
    foto: privat

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