Aufplustern für den Artenschutz

19. März 2013, 19:36
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Die auffällig balzenden Großtrappen standen in Mitteleuropa bereits kurz vor dem Aussterben - Nun wachsen ihre Bestände wieder - Eine aktuelle Studie belegt die Wirksamkeit von Artenschutzmaßnahmen

Auf einer nur spärlich bewachsenen Ebene herrscht Hochbetrieb. Riesige, bis zu 16 Kilo schwere Vögel stolzieren umher. Einige plustern ihr Gefieder derart auf, dass sie wie überdimensionierte weiße Federbälle wirken. Otis tarda, die Großtrappe, widmet sich der Balz.

Das Schauspiel findet im westlichen Weinviertel, auf dem Marchfeld, der Parndorfer Heide oder in der Niedermoorlandschaft Hanság statt. Diese Gebiete sind die letzten Trappen-Refugien Österreichs. Die Art steht auf der Roten Liste. Weltweit leben nur noch 44.000 bis 51.000 dieser majestätischen Vögel in freier Wildbahn, mehr als die Hälfte davon auf der Iberischen Halbinsel.

Einst waren die Tiere in weiten Teilen Europas eine quasi alltägliche Erscheinung. Bis nach Südschweden und Schottland reichte ihr Verbreitungsgebiet. Viele Großtrappen-Bestände sind im Laufe des 20. Jahrhunderts komplett erloschen, andere auf einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Größe zusammengeschrumpft. Die Ursachen sind Veränderungen in der Landschaft und deren Bewirtschaftung. "Sie haben mit der modernen, schnelllebigen Zeit ein Problem", erklärt Rainer Raab vom Technischen Büro für Biologie in Deutsch-Wagram.

Dreifelderwirtschaft

Es ist nicht so, dass sich Mensch und Großtrappe schlecht vertragen. Als ursprünglich steppenbewohnende Spezies profitierte Otis tarda vom Siegeszug der Landwirtschaft. Die Bauern rodeten immer mehr Wälder, legten Felder an und schufen so weitläufige offene Flächen mit einem üppigen Nahrungsangebot - Kultursteppen eben. Erstklassige Lebensräume für die Trappen. Die Vögel wurden zu Kulturfolgern. Von Vorteil war dabei vor allem die Dreifelderwirtschaft, wie Rainer Raab erläutert. Dadurch lag jedes Jahr rund ein Drittel der Äcker brach, die Tiere blieben ungestört.

Um 1900 lebten im sogenannten Westpannonischen Raum, der sich von Brünn in Tschechien über Ostösterreich und die südliche Slowakei bis Zentralungarn erstreckt, noch mindestens 3500 Großtrappen. 1996 hatte ihre Zahl mit lediglich 129 Exemplaren den Tiefststand erreicht. Raab, der sich bereits seit Ende der 1990er-Jahre intensiv mit der Biologie und dem Schutz der mitteleuropäischen Trappenbestände befasst, hat auch die Hintergründe des dramatischen Populationsrückgangs untersucht. Die Hauptschuldigen sind demnach die Intensivierung der Landwirtschaft und der Bau von Überland-Stromleitungen, betont der Experte. "Die Kombination dieser beiden hat den Ausschlag gegeben."

Riskanter Lebensraum

Der moderne Hochleistungs-Ackerbau erfordert häufiges Eingreifen. So bringen die Landwirte zum Beispiel während der Vegetationszeit Pflanzenschutzmittel aus und fahren dabei mit ihren Traktoren über die Felder. Doch leider brüten darin die Trappenhennen, oder sie ziehen bereits ihre Küken darauf groß. Auch wird das Getreide heutzutage früher geerntet. Für Jungtrappen sind die Mähdrescher eine ernsthafte Bedrohung. Die früher so beschaulichen Kultursteppen sind mittlerweile zu einem riskanten Lebensraum geworden.

Für ausgewachsene Großtrappen stellen hängende Stromkabel offensichtlich die größte Gefahr dar. Laut einer von Rainer Raab und seinen Kollegen seit 2002 durchgeführten Erhebung sind die Leitungen hierzulande für 41 Prozent der registrierten Trappen-Totfunde verantwortlich. Die Vögel fliegen dagegen und tragen fatale Verletzungen davon. Raab verstand anfangs nicht, warum die Tiere so leicht den Drähten zum Opfer fallen, bis er selbst einmal in ein Kleinflugzeug stieg. "Die sind nicht so leicht zu sehen", sagt der Wissenschafter. Aus der Vogelperspektive verschwinden die Leitungen schnell vor dem dunklen Hintergrund der Landschaft.

Vor knapp 20 Jahren sah es noch so aus, als würden die Großtrappen bald für immer aus Mitteleuropa verschwinden, aber inzwischen scheint sich das Blatt zu wenden. Umfassende Schutzmaßnahmen, die zum Teil von der EU finanziert wurden, haben den Niedergang gestoppt. Zum einen wurden in den verbliebenen Habitaten der Vögel Programme für eine " trappenfreundliche" Landwirtschaft gestartet. Sie sehen unter anderem einen hohen Anteil an begrünten Brachen sowie den störungsarmen Anbau von Raps und Winterweizen vor. Zurzeit habe man über 500 Landwirte mit insgesamt mehr als 5500 Hektar Trappenschutzflächen unter Vertrag, erklärt Raab. Ein Drittel dieser Felder liegt brach, zwei Drittel werden speziell bewirtschaftet. Die beteiligten Bauern bekommen dafür gute Ausgleichszahlungen.

Praktisch zeitgleich mit den agrarwirtschaftlichen Umstellungen ging man das Problem mit den Stromleitungen an. In den Trappengebieten wurden knapp 100 Kilometer Hochspannungstrassen mit Markierungen in Form von Kugeln, Quadraten oder Reflektoren ausgestattet. Die Vögel sollten die Kabel so leichter erkennen und ausweichen können. Zusätzlich hat man 43 Kilometer Mittelspannungsleitungen unterirdisch verlegt.

Sterblichkeit gesunken

Eine Studie belegt nun den Erfolg der Schutzmaßnahmen. Der westpannonische Großtrappen-Bestand ist wieder auf mindestens 442 Tiere angewachsen. Statistische Analysen belegen, dass die Sterblichkeit zurückgegangen ist (vgl. Bird Conservation International, Bd. 22, S. 299). Insgesamt sank die jährliche Mortalität bei erwachsenen Trappen bis 2010 auf unter zwei Prozent. Die Vögel können etwa 20 Jahre alt werden.

Durch den Straßenbau und Windkraftanlagen gibt es zwar immer wieder neue Eingriffe in die Lebensräume der Tiere, sagt Raab. Dennoch blickt der Biologe vorsichtig optimistisch in die Zukunft. Die hiesigen Populationen von Otis tarda könnten weiter wachsen, die noch vorhandenen Siedlungsräume böten ausreichend Kapazität. "Für bis zu 1000 Exemplare müsste es reichen." Eine erneute natürliche Ausbreitung dürfte aber nur sehr stockend in Gang kommen, denn die Vögel erschließen kaum neue Plätze. "Trappen", sagt Raab, "sind extrem konservative Tiere."

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    Wenn die Großtrappen balzen, plustern sie ihr Federkleid zu einer riesigen Kugel auf. Das Schauspiel kann man vor allem auf der Iberischen Halbinsel, vereinzelt aber auch in einigen Regionen im Osten Österreichs bewundern.

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