Ghassan Hitto: Kurde versucht Quadratur des syrischen Kreises

19. März 2013, 18:57
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Die syrische Opposition im Exil hat einen Interimspremier gewählt - und immerhin wird ja die Syrian National Coalition (SNC) als legitime Vertretung des syrischen Volkes bezeichnet. Gewählt wurde Ghassan Hitto aber mit ganzen 35 Stimmen: Von den 63 infrage kommenden SNC-Mitgliedern stimmten überhaupt nur 48 ab.

Mit diesem wackligen Mandat ausgestattet,m muss Hitto nun eine Regierung bilden, die eine Verwaltung in den von Rebellen kontrollierten Gebieten aufstellt. Ihr sollen sich auch die kämpfenden Rebellen unterwerfen. Den Jihadisten, die das militärische Geschehen dominieren, wird das nicht leicht nahezubringen sein.

Ghassan Hitto ist kurdischer Herkunft, er ist 1963 in Damaskus geboren, lebt jedoch seit Jahrzehnten in den USA, zuletzt in Texas. Bis er in die Türkei übersiedelte, um bei der Hilfskoordination für die Rebellion gegen das Assad-Regime mitzuwirken, arbeitete er in der IT-Branche. Auch seine Abschlüsse an der Purdue University in Indiana und der Indiana Wesleyan University dürften aus diesem Fach stammen. Mit seiner Frau Suzanne, einer Lehrerin, hat Hitto vier Kinder. Einer der Söhne des Paares hat sich den Rebellen angeschlossen.

Hitto betätigte sich in den USA als islamischer Aktivist: Er gehört zu den Betreibern einer islamischen Privatschule, der Brighter Horizon Academy, die Prediger ausbildet. Und er ist Mitbegründer des Muslim Legal Fund of America (MLFA), der Muslime mit Rechtsbeistand versorgt. Von kurdischem Aktivismus ist nichts bekannt - aber seine Wahl soll wohl auch eine Botschaft in Richtung Kurden sein, die der Opposition nicht trauen.

Sonst wusste am Dienstag niemand so recht, warum die Wahl gerade auf Hitto gefallen war, den in Syrien niemand kennt. Kurz nach der Wahl kamen erste Unmutsäußerungen: Das sei eben wieder einmal so eine Aktion der Muslimbrüder. Hitto vertritt aber nicht nur sie, wenn er betont, dass Verhandlungen mit Vertretern des Regimes ausgeschlossen sind. Das ist jedoch gegen die derzeitige US-Linie.

Der Kommandant der Freien Syrischen Armee (FSA), Selim Idriss, sagte Hitto nach dessen Wahl sofort seine Unterstützung zu - am Dienstag geisterte jedoch ein Tweet umher, in dem sich ein "politischer Koordinator" der FSA die Entscheidung vorbehielt. Das kann aber auch antioppositionelle Desinformation sein. Aber ganz klar ist es ja noch immer nicht, wer die FSA ist und wer sie vertritt. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 20.3.2013)

  • Ghassan Hitto ist Chef einer syrischen Exilregierung.
    foto: epa/sedat suna

    Ghassan Hitto ist Chef einer syrischen Exilregierung.

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