Schüleraustausch in Spanien: "No hay dinero"

Reportage19. März 2013, 18:16
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In Valencia ist die Krise allgegenwärtig - ob in der Schule, auf Demos oder beim Fortgehen

Valencia - Es gibt kein Geld. Diesen Satz hört man hier immer und immer wieder. Seit zwei Monaten bin ich jetzt auf Schüleraustausch in Valencia und erlebe tagtäglich, wie sich die Wirtschaftskrise auf die Jugendlichen auswirkt.

Nach der Schule geht der Großteil der Schüler nach Hause und wird bekocht. Der Rest setzt sich mit mitgebrachten Bocadillos, spanischen Sandwiches, in den nahegelegenen, malerisch schönen Park.

Oft sitze auch ich dort mit meiner Gastschwester und ihren Freunden im Gras, genieße den Sonnenschein, während ein leichtes Lüftchen über die Palmen fegt. Die meisten von uns rauchen und unterhalten sich über Belangloses, als plötzlich die Frage aufkommt, was denn die Eltern so arbeiten. Die entspannte Stimmung wird augenblicklich ernst. Einer nach dem anderen beginnt zu erzählen.

"Meine Mutter arbeitet im Supermarkt nebenan", sagt Paola. "Meine Mutter hat gar keinen Job" heißt es bei Juan Mi. Und so geht es in der Runde weiter. Viele von den Eltern sind arbeitslos. Auch meine Gastmutter wartet nun schon seit zwei Jahren darauf, dass sie endlich wieder bei ihrer alten Firma arbeiten kann.

Fanta, Sangria und Wodka

Auch wenn wir über Reisen reden, wird mir bewusst, dass ich schon viel mehr Länder als die meisten bereist habe, und fühle mich dabei unwohl. Nächsten Herbst etwa fahren die Oberstufenklassen meiner Gastschule für drei Wochen nach Boston - doch von zwei kompletten Jahrgängen fliegen gerade mal 20 Schüler mit. "Jetzt muss man Präferenzen haben. So viel reisen wie früher können wir nicht mehr", sagt meine Gastschwester.

Als wir das erste Mal am Wochenende gemeinsam fortgehen, bin ich erstaunt: Wir gehen nicht in Bars und anschließend in einen Club, sondern setzen uns in einer größeren Gruppe auf den kalten Gehsteig und trinken aus mitgebrachten Plastikflaschen. Jeder hat etwas mitgenommen: Fanta, Sangria, Wodka und Co werden gemischt und fließen in Strömen. Genannt wird das Ganze Botellón, in Anlehnung an "botella", was Flasche bedeutet.

Erst um zwei Uhr gehen wir in eine Diskothek. Da diese schon kurz darauf schließt, landen alle wieder auf der Straße. Es riecht wirklich nicht gut hier, da alle rauchen und es keine Klos auf der Straße gibt. Leider ist es das kälteste Wochenende des Jahres, weshalb wir schon bald wieder den Heimweg antreten.

Das Konzept dieser Botellones haut mich noch nicht um, doch ich lasse mir von Elsa erklären, dass diese Art des Vorglühens im Sommer, mit mehr Hitze und dem richtigen Ambiente, richtig Spaß machen kann. Meine Klassenkameraden erwidern auf meine Skepsis: "Es ist billiger, sich um vier Euro eine Wodkaflasche im Supermarkt zu kaufen, als in eine Bar zu gehen."

Auch in der Schule schlägt mir das omnipräsente "No hay dinero" immer wieder entgegen. Ob es nun der Grund für die fehlende Geburtstagsparty oder die Absage für die Klassenfahrt nach Rom ist: Es ist zum Standardsatz geworden.

Während der halbstündigen Schulpause, Descanso genannt, wird die mitgebrachte Musik in der Cafeteria aufgedreht, und einige tanzen den Harlem Shake. Durch das System mit wählbaren Fächern kennt man unzählige Schüler, die bei jeder Begegnung überschwänglich begrüßt werden müssen. Klar spürt man die Krise, dennoch ist die Jugend hier auch außerordentlich fröhlich und offen im täglichen Umgang.

Viele wollen ins Ausland

Am Nachmittag etwas mit anderen zu unternehmen ist dabei oft schwierig, weil die Zeit reserviert ist, um für die häufig anstehenden Tests zu lernen. Vor allem in den letzten zwei Oberstufenjahren merkt man den Schülern ihren Stress deutlich an. Der Notendurchschnitt zählt zu 60 Prozent für die Aufnahme an der Universität Valencia, doch viele spielen ohnehin mit dem Gedanken, im Ausland zu studieren. Einziges Problem: "No hay dinero." Eh klar.

Wie in jedem Land gibt es auch hier Schüler, die nicht für die Schule lernen. Meist sind es genau jene, die auf Demonstrationen gegen Kürzungen im Bildungssystem gehen. Die Stimmung auf diesen Demonstrationen überrascht mich. Es wirkt wie ein fröhliches Wiedersehen unter alten Freunden. Die meisten machen lächelnd ein paar Fotos und schreien gelegentlich das obligatorische "hijo de puta" ("Hurenkind") im Chor. Ein Grund für die ausgelassene Atmosphäre könnte auch der süßliche Marihuana-Geruch sein, der überall in der Luft liegt.

Oft fühle ich mich hier als Österreicherin unwohl, weil ich sehe, dass es mir in meinem Land finanziell besser geht. Während wir die niedrigste Arbeitslosenquote Europas haben, finden in Spanien rund 55 Prozent aller Jugendlichen keine Arbeit.

Du weißt, dass du in Spanien bist, wenn deine Gastmutter mit der Post zurückkommt und sich empört, dass das Licht schon wieder um zehn Euro mehr pro Monat kostet und das Wasser im letzten Jahr noch mehr als die Hälfte günstiger war. Du bist aber auch in Spanien, wenn die Sonne auf das Meer scheint, bei Straßenfesten die Feuerwerke den Boden zum Vibrieren bringen und die wunderschönen Falleras in traditioneller Tracht durch die Gassen stolzieren. (Anna Strümpel, DER STANDARD, 20.3.2013)

  • Mehr als die Hälfte aller spanischen Jugendlichen finden keine Arbeit. Immer mehr gehen zur Jobsuche ins Ausland. Auf Demos protestieren Schüler gegen Kürzungen im Bildungssystem.
    foto: epa/toni albir

    Mehr als die Hälfte aller spanischen Jugendlichen finden keine Arbeit. Immer mehr gehen zur Jobsuche ins Ausland. Auf Demos protestieren Schüler gegen Kürzungen im Bildungssystem.

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