"Jeder Punkt ist ein Weltmeistertitel"

19. März 2013, 18:22
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Das Nationalteam der Färinger besteht nicht mehr aus Fischern oder Briefträgern. Es handelt sich um richtige Fußballer. Teamchef Lars Olsen kennt das Hauptproblem: "Seit mehr als 20 Jahren verteidigen wir nur"

Wien - Herr Yilmaz war am Dienstagvormittag nicht gerade panisch. Aber für den Platzwart des SC Team Wiener Linien brechen schon recht spannende Zeiten an. Erstmals trainiert ein Nationalteam auf dem Rax-Platz in Favoriten, die Auswahl der Färöer. Das kam so: Der Obmann des Stadtligisten pflegt gute Kontakte zum österreichischen Fußballbund, der wiederum wollte den Gästen eine vernünftige Trainingsmöglichkeit bieten. "Perfekte Bedingungen", sagt Lars Olsen, der dänische Teamchef der Färöer.

Schon am Montag sind sie gelandet, die Zeit bis zum WM-Qualifikationsspiel am Freitag gilt es vernünftig zu nützen. Daheim ist das Klima rau, zudem gibt es ausschließlich Kunstrasenplätze, es gilt sich ans echte Gras zu gewöhnen. Der Rax-Platz ist Natur pur, wobei er von Hochhäusern und einer Schnellstraße umzingelt ist. Touristenbusse meiden diese Gegend, der 52-jährige Olsen findet sie super. "Allen anderen Ländern fällt die Umstellung auf Kunstrasen schwer."

Kristin Dam Ziska ist 27 Jahre alt und der Bub für alles im Verband. Er wohnt in der Hauptstadt Torshavn, ist Manager, Pressebetreuer und Generalsekretär. Er wird richtig bezahlt. "Es ist ein Fulltimejob." Die Färöer sind auch deshalb früher angereist, "weil die Hotels und das Essen in Wien viel billiger als bei uns sind." Auf den Inseln leben rund 50.000 Menschen, 5000 davon spielen regelmäßig Fußball, ein beachtlicher Prozentsatz. Die erste Liga umfasst zehn Klubs, sechs davon haben auch B-Garnituren, die vergnügen sich in der zweiten Liga. Dam Ziska sagt: "Es wird immer professioneller. Die Zeiten der Fischer, Briefträger, Schafzüchter oder Tischler sind vorbei. Es gibt Studenten, Lehrer, die für Geld Fußball spielen."

Im Aufgebot steht ein halbes Dutzend Vollprofis. Der Verband hat richtige Sponsoren, Adidas, Bakkarost Salmon, ein Unternehmen in Sachen Lachs. Und Atlantic Airways, die einzige Linie, die die Inseln im Nordatlantik anfliegt. Die Vereine kassieren TV-Gelder. Dam Ziska sagt: "Wie überall auf der Welt, nur weniger."

Der 45-jährige Jens Martin Knudsen weilt in Wien. In der Hauptbibliothek hat er seine Biografie Der Mann mit der Pudelmütze präsentiert. Dass sie in deutscher Sprache erscheint, liegt ausschließlich an Österreich. Es war der 12. September 1990, eine Woche davor kamen Fischer, Briefträger, Schafzüchter oder Tischler zusammen, um im schwedischen Landskrona das erste offizielle Länderspiel zu bestreiten. Es wurde ein 1:0 und eine Weltsensation. Knudsen, der Stapelfahrer aus Runavik, stand im Tor und trug zum Schutz eine Zipfelmütze.

Olsen ist seit September 2011 Teamchef. Als Verteidiger wurde er 1992 mit Dänemark Europameister, das kam auch überraschend, die Deutschen wurden im Finale 2:0 besiegt. Zur Weltsensation reichte es freilich nicht.

Ballbesitz als Vision

"Österreich ist klarer Favorit" sagt Olsen. "Eure Spieler sind im Saft, unsere Liga hat gerade begonnen. Der große Janko ist brandgefährlich, Alaba ist hervorragend." Das Hauptproblem sei, "dass unsere Kicker seit mehr als 20 Jahren nur verteidigen. Wir müssen lernen, in Ballbesitz zu kommen. Das ist eine Vision. Es geht um die Verbesserung, nicht um Punkte."

Die Färinger sind die Nummer 153, die Österreicher liegen auf Platz 79. Der 31-jährige Christian Holst ist Profi bei Silkeborg IF in Dänemark, er hat in 34 Länderspielen dreimal getroffen. Das ist für einen Stürmer eine beachtliche Bilanz. Als Bub hat er die "Weltsensation" mitbekommen. Er verweist lieber auf 2008, da gab es in Torshavn ein 1:1 gegen Österreich. "Die liegen uns offenbar." Natürlich sei man am Freitag krasser Außenseiter. "Wir sind ja nur 50.000 Leute, wir sind eigentlich viel zu klein." Die Chance liege darin, "dass jeder gegen uns gewinnen muss. Der Gegner hat den Druck. Für uns ist jeder Punkt ein Weltmeistertitel."

In 149 Spielen gab es 18 Siege, Opfer waren neben Österreich etwa San Marino, Zypern, Luxemburg, Liechtenstein, Estland, Litauen, Kasachstan, Malta, Island. Das Torverhältnis lautet 92:378.

Die Fußballer liefern sich nicht mehr der rauen See aus. Das Fischen wird längst anderen Färingern überlassen. Dem Betreuerstab gehören zwei Assistenztrainer, zwei Physiotherapeuten und ein Arzt an. Platzwart Yilmaz sagt: "Beim Team Wiener Linien spielen auch keine Schaffner und Straßenbahnfahrer mehr." (Christian Hackl, DER STANDARD, 20.3.2013)

  • Teamchef Lars Olsen steht in der Mitte des Rax-Platzes und bereitet seine Spieler auf das Match gegen Österreich vor. "Die Bedingungen auf dem Naturrasen sind perfekt", sagt er.
    foto: apa/ pfarrhofer

    Teamchef Lars Olsen steht in der Mitte des Rax-Platzes und bereitet seine Spieler auf das Match gegen Österreich vor. "Die Bedingungen auf dem Naturrasen sind perfekt", sagt er.

  • Rechtzeitig vor der WM-Quali am Freitag ist ein sehr wichtiges Buch erschienen.
    foto: sportin

    Rechtzeitig vor der WM-Quali am Freitag ist ein sehr wichtiges Buch erschienen.

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