Kammeroper mit Geldzwerg und Haifischballett

19. März 2013, 18:07
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Markus Kupferblum realisiert auch ohne Unterstützung des Wiener Kulturamts irrwitziges Musiktheater

 Seine Schlüterwerke bringen im Porgy & Bess die "Böhmische Bibel" zur Uraufführung.

Wien - Der Regisseur, Schauspieler und Clown Markus Kupferblum, 1964 in Wien geboren, ist ein unverbesserlicher Optimist: Er möchte "Totales Theater" machen, dramatische Ausdrucksformen miteinander verknüpfen und prozessorientiert mit einem Ensemble arbeiten. Doch statt eines Mehrjahresvertrags erhielt er von der Stadt Wien 2006 nur eine mit 30. 000 Euro dotierte Projektförderung. Große Oper, wie erhofft, konnte er damit nicht realisieren.

In Die verlassene Dido, 2007 im Nestroyhof uraufgeführt, lädt der Regisseur in bester Laune zur ersten Probe von Pier Francesco Cavallis La Didone abbandonata - und muss dem Team schließlich das Scheitern eingestehen. Der berührende Monolog wurde mit dem Nestroy für die beste Off-Produktion bedacht. Und dieser ist, welch Hohn, mit 30.000 Euro dotiert - für die nächste Produktion.

Markus Kupferblum verwendete das Geld 2010 für ein Stück über seinen Vater Gerszon Kupferblum mit dem Titel Antwort auf einen ungeschriebenen Brief. Eine kontinuierliche Förderung wurde ihm aber erneut nicht zugebilligt: Er war gezwungen, andernorts zu arbeiten. In New York realisierte er etwa im November 2012 die Oper Der Kaiser von Atlantis, die Viktor Ullmann 1943 im KZ Theresienstadt komponiert hatte. Aufgrund des Erfolgs kam es im Februar zu einer Wiederaufnahme.

Doch Kupferblum möchte auch in seiner Heimat präsent sein: Er gründete - als "Unternehmung der Kupferblum-Gruppe" - die Schlüterwerke. In der Komödie Das lebenslängliche Kind, die Erich Kästner 1934 aufgrund des NS-Regimes unter dem Pseudonym Robert Neuner herausbrachte, geht es um einen Fabrikdirektor Theo Schlüter. Das lebenslängliche Kind: Das passt auf mich beziehungsweise auf jeden Clown", erklärt Kupferblum. "Und der Name Schlüterwerke soll suggerieren, dass wir täglich, kontinuierlich arbeiten wollen."

Die Schlüterwerke operieren nahezu ohne Mittel: Alle Beteiligten, versiert in der Selbstausbeutung, bringen gratis ihre Produktivkraft ein. Allfällige Gewinne - an der Abendkassa herrscht das "Pay as you wish"-Prinzip - werden geschwisterlich geteilt.

Als erste Produktion gelangt am Donnerstag in der strengen Kammer des Porgy & Bess die Böhmische Bibel zur Uraufführung. Es handelt sich dabei um ein Auftragswerk: Lydia Mischkulnig und Sabine Scholl arbeiteten ihren gleichnamigen Romanfünfteiler zu einem Libretto um. Dieses auf die Bühne zu bringen würde alle Maße sprengen. Markus Kupferblum wählte ein paar Szenen aus, die miteinander korrespondieren, und Renald Deppe vertonte sie.

Beim Erzählen gerät der Impresario ins Schwärmen - einerseits über den komplexen, irrwitzigen, anspielungsreichen Text, der sich nicht nur mit Böhmen und der Selbstfindung einer Frau, sondern auch mit Europa und der Finanzkrise auseinandersetzt; andererseits über die kongeniale Musik, die Richard Wagner genauso zitiert wie Tom Waits und von Sirtaki bis Blues reicht. Da allerlei Fabelwesen und sonderbare Gestalten auftauchen, darunter eine Kuhhähnin und ein Haifischballett, dienen Videoanimationen von Konrad Stania als Bühnenbilder. Bunt zusammengewürfelt ist zudem das Ensemble; der Beatboxer Johannes Steiner zum Beispiel verkörpert einen irren Geldzwerg.

Auch die zweite Produktion steht bereits: Just zur Sonnwende bringt Kupferblum eine radikale Bearbeitung von Schuberts Liederzyklus Winterreise heraus. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 20.3.2013)

21.-24. März, jeweils 19 Uhr

  • Als Bühnenbilder für die "Böhmische Bibel" verwendet Markus Kupferblum (o.) Videoanimationen von Konrad Stania. Im Bild: das blutige Ballett der Haifische. 
    foto: kupferblum

    Als Bühnenbilder für die "Böhmische Bibel" verwendet Markus Kupferblum (o.) Videoanimationen von Konrad Stania. Im Bild: das blutige Ballett der Haifische. 

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