Wie in Argentinien der Bankenrun ausblieb

20. März 2013, 00:01
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Argentinien zur Zeit der Staatspleite: Wie Bankenfeiertage ausgerufen wurden und den Menschen das Geld ausging

Im November des Vorjahres gab es für manch einen ein Déjà-vu. Weil Argentiniens Regierung einem damaligen US-Gerichtsurteil zufolge deutlich mehr Geld an Investoren zurückzuzahlen hatte als geplant, sah die Ratingagentur Fitch das Land vor dem Zahlungsausfall. Die Bonitätsprüfer stuften das Land drastisch um fünf Stufen ab. Ausgestanden ist der Streit noch lange nicht.

Es geht um alte Schulden. Zwei US-Hedgefonds hatten alte Anleihen von Argentinien gekauft. Seit mehr als zehn Jahren weigert sich Argentinien, die Verbindlichkeiten bei den Investoren komplett zu begleichen. Denn das Land hatte damals seinen Staatsbankrott erklärt und sich mit dem Großteil seiner Gläubiger auf viel niedrigere Zahlungen verständigt. Die meisten hatten sich darauf eingelassen, um überhaupt noch etwas zurückzubekommen. Die zwei US-Hedgefonds nicht. Ein US-Gericht hatte den Klägern schon zweimal recht gegeben. Ende Oktober 2012 verdonnerte es Argentinien dazu, die strittige Summe von 1,3 Milliarden US-Dollar zu zahlen. Argentinien ging in Berufung, der Streit ist prolongiert.

Schulden und sparen

Was für die einen Aufarbeitung der Vergangenheit ist, mag für andere eher ungute Erinnerungen heraufbeschwören. Beginnen könnten sie mit dem Jahr 2000. Argentinien steckte seit zwei Jahren in der Rezession. Die Schulden stiegen, Sparprogramm folgte auf Sparprogramm. Eine Delegation des Internationalen Währungsfonds (IWF) landete Ende September in Buenos Aires. Auf der Agenda: mit der Staatsspitze über die Reduzierung des Budgetdefizits und die Schulden zu sprechen. Letztere hatten sich von 1990 bis 2000 auf 200 Milliarden Dollar verdoppelt. Die Rezepte klingen bekannt: Die Regierung von Präsident Fernando de la Rúa fror die Löhne der Beamten und die Pensionen ein. Die Steuern wurden erhöht. Im Jahr darauf musste die Regierung fällige Schulden in einer beachtlichen Höhe von 13 Milliarden Dollar tilgen, immerhin 20 Prozent der Staatsausgaben.

Ende November verhinderte der IWF mit einem 15-Milliarden-Dollar-Kredit die Staatspleite. Die Wachstumsprognose für das Jahr: 0,0 bis 0,5 Prozent. Mitte Dezember folgte ein weiterer Kredit internationaler Geldgeber in Höhe von 38 Milliarden Dollar. Das Geld wurde dafür verwendet, fällige Schulden zu tilgen. Mitte des darauffolgenden Jahres hatte sich die Lage nicht verbessert. Das Rating zu dieser Zeit bescheinigte dem Land folgenden Status: gerade noch in der Lage, den finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.

Im Juni wurde einmal mehr der Staatsbankrott abgewendet. Gläubiger und Regierung einigten sich auf einen Schuldentausch. In Kürze fällig werdende Titel im Wert von 30 Milliarden Dollar wurden in Papiere mit einer langen Laufzeit, zum Teil bis 2031, umgewandelt. Zum Preis höherer Zinsen. Die Regierung beschloss das Null-Defizit-Gesetz. Ein neues Sparprogramm stand an: Gehälter von Staatsangestellten und Pensionen wurden ein weiteres Mal um 13 Prozent zusammengestrichen. Auch in der Privatwirtschaft sanken die Löhne. Der Konsum brach ein - mit ihm die Staatseinnahmen.

Die Banken wackeln

Im August des Jahres 2001 hatte die Regierung kein Geld mehr und bezahlte die Beamten mit Schuldscheinen. Seit Anfang desselben Jahres sind 7,6 Milliarden Dollar von den Banken abgezogen worden. Die Dollar-Reserven der Zentralbank schmolzen auf 15 Milliarden. Die Menschen tauschten Pesos gegen Dollar. Im August musste einmal mehr der IWF mit einem Kredit einspringen. Diesmal ging es um die Banken. Acht Milliarden Dollar flossen, um die Institute zu stabilisieren.

Am 1. Dezember fror die Regierung die Bankkonten ein. Die Argentinier durften nur noch 250 Pesos pro Woche abheben, Dollars wurden nicht mehr ausbezahlt. Auch das ein Teil des Rezepts gegen den Zusammenbruch der Banken. Den  Argentiniern reichte es - Menschenmassen protestierten. Am 2. Dezember ließen die Banken in der Innenstadt die Gitter herunter. Das Jahr neigte sich dem Ende zu. Mitte Dezember standen viele Menschen ohne Geld da. Es kam zu Plünderungen der Supermärkte - zunächst in Buenos Aires, dann landesweit. Zehntausende demonstrierten gegen die Regierung. Bei Straßenschlachten kamen fast 30 Menschen ums Leben, Präsident De la Rúa trat zurück.

Ein dummes Gefühl

Am 21. Dezember wurde Rodriguez Saá als neuer Staatspräsident vereidigt. Seine erste Amtshandlung: Er erklärte die Staatspleite. 134,9 Milliarden Dollar Schulden hatte Argentinien. 76 Milliarden Dollar Auslandsschulden gegenüber privaten Gläubigern wurden nicht mehr bedient. Der deutsche Journalist Ingo Malcher hielt sich zu jener Zeit in Argentinien auf. An die folgenden Tage erinnert er sich genau. Auf Beschluss der Zentralbank hin blieben die Banken und Geldautomaten am 21., 24. und 26. Dezember geschlossen. Ein dummes Gefühl, wie Malcher in einem Interview bekannte: "Sie wachen morgens auf, schalten das Radio ein, wie das in irgendwelchen außergewöhnlichen Situationen wahrscheinlich normal ist, und Sie stellen fest: Es liegt etwas in der Luft. Es hieß damals übrigens nicht, dass Bankkonten eingefroren sind. Die erste Nachricht war: Es gibt einen Bankfeiertag. Heute, morgen und übermorgen."

Am letzten Tag des Jahres 2001 trat Präsident Saá ab, Eduardo Camaño wurde sein Nachfolger. Das neue Jahr begann, wie das alte geendet hatte: Am 1. Jänner 2002 kurz vor Mitternacht ernannte der Kongress einen neuen Staatspräsidenten - den fünften Staatschef innerhalb von zwei Wochen.

Am 11. Jänner öffneten die Banken wieder. Der befürchtete Bankenrun blieb damals aus, erinnert sich Ingo Malcher. Dramatisch war die Stimmung laut Malcher vor allem bei den Verantwortlichen in den Behörden die Nacht davor: "Man wusste nicht, kommen die Menschen in Scharen zu den Banken und heben das Bisschen ab, was sie noch haben? Es gingen nicht alle Argentinier, die noch über eine ohnehin beschränkte Summe verfügen konnten, zur Bank, um sie zu beheben. Es ging also gut. Die neue Regierung hat es geschafft, die Menschen etwas zu beruhigen. Das war eine große Leistung." (Regina Bruckner, derStandard.at, 20.3.2013)

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    Dezember 2002: Menschenschlangen vor einer Bank in Buenos Aires.

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    Buenos Aires am 20.12. 2001: Straßenschlachten und Tumulte.

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