Der Sparefroh, ein Trauerspiel

20. März 2013, 07:00
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Österreicherinnen sparen 247 Euro monatlich, sagt eine aktuelle Umfrage - "Unrealistisch und undifferenziert" lautet die Kritik einer Finanzexpertin

Wie viel Geld können Sie monatlich zur Seite legen? Sollten es 247 Euro monatlich sein, liegen Sie im österreichischen Durchschnitt, behauptet zumindest die Erste Bank. Laut einer Studie, die die Bank anlässlich des Internationalen Frauentages präsentierte, stecken Frauen ohne Einkommen immerhin noch 134 Euro in den Sparstrumpf, mit einem Einkommen bis 1.000 Euro brutto sind es 135 Euro. Bei einem monatlichen Gehalt bis 2.000 Euro sollen es 193 Euro sein und jene, die über 2.000 Euro brutto verdienen, ersparen sich monatlich 367 Euro. Nur sechs Prozent der von Integral befragten Frauen gaben an, keinen Euro zum Sparen zur Verfügung zu haben.

Finanzberaterin: "Sparquote viel zu hoch"

Die Ergebnisse dieser Umfrage muten erstaunlich hoch an. Und eine Nachfrage bei der Finanzexpertin Daniela Orlik bestätigte den Verdacht: "Die errechnete Sparquote ist meiner Einschätzung nach viel zu hoch. Dass sich Frauen ohne Einkommen pro Monat 135 Euro zur Seite legen ist außerdem unrealistisch und nicht sehr fundiert", so Orlik, die ein Unternehmen für Vermögensplanung führt.

Die Erste Bank macht die hohe Teilzeitquote für die geringere Sparquote von Frauen verantwortlich. Für Orlik stimmt dies aber nur zum Teil: "Ein Problem ist auch der geringe Stundenlohn von Teilzeitkräften". Eine Berechnung der Arbeiterkammer ergab, dass Teilzeit-Stundenlöhne im Vergleich zu Vollzeit-Stundenlöhnen um 24 Prozent niedriger sind.

Wie viel Geld Frauen zum Sparen tatsächlich zur Verfügung haben, kann Orlik zufolge nicht beziffert werden. Es gebe keine seriösen Zahlen dazu, doch seit einigen Monaten arbeitet sie an einer Studie zu diesem Thema.

"Konservative Anlegerin"

Dass, wie von der Erste Bank ausgegeben, 74 Prozent der befragten Frauen ihr Geld auf Sparbüchern parkt, könne sie sich zwar vorstellen, doch das Bild der "konservativen Anlegerin", das die Banken gern von Frauen zeichnen, ärgert Orlik trotzdem. "Bei einem geringen Budget gibt es außer dem Sparbuch kaum Möglichkeiten zu investieren oder zu sparen", so die Beraterin. Sparbücher seien in Anbetracht der niedrigen Zinsen zudem das beste Geschäft für Banken und "Frauen sind hier immer die erste Zielgruppe der Banken".

230.000 Österreicherinnen leben in akuter Armut

In ihrer jahrelangen Beratungstätigkeit als Finanzexpertin stellte sich heraus, dass Frauen mit gleich hohem Einkommen wie Männer sehr wohl risikofreudig seien. Allerdings gibt es nur wenige Frauen, die auf ein gleich hohes Einkommen wie Männer zurückgreifen können, so Orlik. Kurz: Das Risikoverhalten hängt vom Vermögen ab und Frauen haben meist kein Vermögen.

Die Mehrheit habe überhaupt keine Möglichkeit sich Geld zur Seite zu legen. Viel sind von Armut betroffen. Das spiegeln auch die Zahlen von EU-SILC (European Community Statistics on Income and Living Conditions) wider. Allein in Österreich leben 230.000 Frauen in akuter Armut und 560.000 sind armutsgefährdet. Zudem weist die europäische Statistik aus, dass 241.000 Österreicherinnen trotz Arbeit arm sind ("Working poor").

Umfrage nicht repräsentativ und "unseriös"

Dass bei der Umfrage von insgesamt 500 befragten Personen nur 247 Frauen befragt wurden und gleichzeitig von einer repräsentativen Umfrage gesprochen werde, hält Orlik für "unseriös". Hinzu komme die Tatsache, dass Menschen bei Umfragen zur finanziellen Situation oftmals lügen. Die einen aus Scham, weil sie nichts oder wenig haben, die anderen, weil sie keine Neiddebatte entfachen wollen.

"Frauen und Geld": In Arbeit

Ein großes Projekt, für das umfassende Studien die Grundlage darstellen, ist nun in Arbeit, um die Situation von "Frauen und Geld" darstellen zu können. Gemeinsam mit dem Verein Wendepunkt will Orlik den Kern des Problems angehen und nicht mehr nur in der Not helfen. Einkommensunterschiede, Teilzeitquoten, bezahlte und unbezahlte Arbeit sollen hier differenziert beleuchtet werden. Orlik will als Finanzberaterin von Frauen "endlich den Kern des Problems auflösen und nicht nur Brandlöscherin sein". Immerhin sind 68 Prozent der AusgleichszulagenbezieherInnen Frauen, eine Sozialleistung, die man ohnehin nur erhält, wenn die Pension den monatlichen Betrag von 837 Euro nicht überschreitet. (eks, dieStandard.at, 20.3.2013)

Info:

Die Schwelle der Armutsgefährdung in einem Einpersonenhaushalt wurde von EU-SILC für 2012 mit etwa 1.031 Euro pro Monat (zwölf Mal im Jahr) beziffert.

Links

Hier gehts zur dieStandard.at-Umfrage: Wie viel Geld können Sie monatlich zur Seite legen?

  • Under Construction: Der Sparefroh. Für Frauen viel mehr Trauerspiel als Grund zur Freude, weiß die Finanzexpertin Daniela Orlik zu berichten.
    foto: regine hendrich

    Under Construction: Der Sparefroh. Für Frauen viel mehr Trauerspiel als Grund zur Freude, weiß die Finanzexpertin Daniela Orlik zu berichten.

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