US-Staatsbürger leitet syrische Übergangsregierung

19. März 2013, 14:17
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Der IT-Fachmann Hitto hat fast drei Jahrzehnte in den USA gelebt - Erst seit vergangenem Herbst engagiert er sich im Konflikt

Die oppositionelle Nationale Syrische Koalition hat den in Damaskus geborenen US-Staatsbürger Ghassan Hitto zum Ministerpräsidenten der Übergangsregierung gewählt. Der bisher kaum öffentlich bekannte Regimekritiker Hitto war bis in den Herbst vergangen Jahres als IT-Fachmann in den USA tätig. In den frühen Morgenstunden am Dienstag hat die in Istanbul zusammengekommene syrische Opposition das Wahlergebnis bekannt gegeben: Hitto kam auf 35 von insgesamt 48 abgegebenen Stimmen. Die im November in Doha gegründete Nationale Syrische Koalition wird bisher von dutzenden Staaten, darunter auch den USA, Frankreich und Großbritannien als die legitime Vertretung des syrischen Volkes anerkannt.

Schwierige Aufgabe

Die Aufgabe Hittos als Ministerpräsident der Übergangsregierung wird keine leichte sein. Hitto soll die im Exil tätigen Oppositionskräfte in den nördlichen von den Rebellen verwalteten Teilen Syriens repräsentieren. Noch drohen aber in den von Rebellen kontrollierten Landesteilen Angriffe von Assads Luftwaffe und auch die Rebellen selbst sind skeptisch, wie hilfreich eine Interimsregierung sein kann, die außerhalb Syriens agiert.

Fahed al-Masri, der Sprecher der Free Syrian Army, bezweifelt gegenüber der New York Times, ob die Übergangsregierung erfolgreich sein könne, wenn sie lediglich ein beschränktes Gebiet kontrolliere und auch nur mit geringen finanziellen Mitteln ausgestattet sei. In Istanbul sicherte General Salim Idris, ein Vertreter der FSA, allerdings Unterstützung zu. Wie weit seine Autorität reicht, ist aber nicht klar. Einige der erfolgreichen Rebellengruppen in Syrien verweigern Idris ihre Gefolgschaft, schreibt die Washington Post.

Kontenöffnung anstreben

Hitto hat Verhandlungen mit Assad bisher ausgeschlossen. Er ist der Meinung, eine gemeinsame Regierung würde die Ausbreitung des Chaos im Land eindämmen können. Eine der drängendsten und schwersten ersten Aufgaben Hittos wird die Bildung eines Kabinetts sein. Sollte das gelingen, könnte seine Regierung die Öffnung der eingefrorenen syrischen Konten anstreben.

Jedes Mittel angemessen

Im Kampf gegen das syrische Regime jedes Mittel Hitto für angemessen. Er erklärte am Dienstag, seine Prioritäten seien der Sturz des Regimes von Präsident Bashar al-Assad und die Versorgung der Bevölkerung in den von Rebellen kontrollierten Gebieten. Seine Regierung will Hito nicht nach politischem Proporz bilden, sondern die Minister nach Fähigkeiten auswählen. Die Offiziere der syrischen Armee rief er auf, "ihre Waffen niederzulegen und sich dem Volk anzuschließen".

Sohn ging ebenfalls nach Syrien

Der Konflikt in Syrien hat auch eines der vier Kinder Hittos nicht losgelassen: Der in den USA geborene Obaida Hitto hat sich vergangenes Jahr den Rebellen im Heimatland seines Vaters angeschlossen. Ein Entschluss des damals 25-Jährigen, den seine Familie nicht unterstützte und dem monatelange Auseinandersetzungen vorangegangen waren. Letztlich sollte die Entscheidung seines Sohnes den Ausschlag für Hittos Engagement geben. Im Herbst vergangenen Jahres, nachdem er beinahe drei Jahrzehnte in den USA gelebt hatte, brach der 50-Jährige zu einer Reise in die Region auf, von der er nicht mehr nach Texas zurückkehren sollte. Stattdessen begann er, sich von Istanbul aus besonders um die Verbesserung der Hilfslieferungen nach Syrien zu kümmern.

Aktivitäten in den USA

Unpolitisch war Hitto in den USA allerdings nicht. Er war Mitbetreiber der muslimischen Privatschule Brighter Horizons Academy und war einer der Gründer des Muslim Legal Fund of America (MLFA), eine Organisation, die muslimischen US-Bürgern rechtliche Unterstützung anbietet. Gegründet wurde MLFA im November 2001, als wenige Wochen nach dem Angriff auf das World Trade Center in New York viele Muslime in den USA um ihre Bürgerrechte fürchteten. Hitto war auch für den Rat für Amerikanisch-Islamische Beziehungen tätig – eine Bürgerrechtsorganisation mit Sitz in Washington.

Hitto habe mit Unterstützung des Generalsekretärs der Koalition, Mustafa Sabbagh, die Wahl gewonnen. Auch die Fraktion der Muslimbrüder innerhalb der Koalition habe ihn unterstützt, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.

Die Nachricht, dass Hitto der neue Ministerpräsident der Übergangsregierung ist, kam nur wenige Stunden nachdem die syrische Luftwaffe Ziele im Norden des Libanon beschossen hatte. Angeblich weil sich dort Rebellen verstecken würden. (mka, APA, derStandard.at, 19.3.2013)

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    Ghassan Hitto trat am Dienstag in Istanbul vor die Weltpresse

  • Vertreter der Nationalen Syrischen Koalition am Montag in Istanbul. Mustafa Sabbagh, der Generalsekretär der Koalition (zweiter von rechts) soll eine wichtige Rolle bei der Wahl von Ghassan Hitto gespielt haben.
    foto: epa/sedat suna

    Vertreter der Nationalen Syrischen Koalition am Montag in Istanbul. Mustafa Sabbagh, der Generalsekretär der Koalition (zweiter von rechts) soll eine wichtige Rolle bei der Wahl von Ghassan Hitto gespielt haben.

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