Viel mehr als nur ein Fußballspiel

19. März 2013, 11:38
18 Postings

Kroatien und Serbien zeigen sich vor dem WM-Qualifikationsspiel versöhnlich und nützen die mediale Bühne, um die Annäherung voranzutreiben

Am Freitag werden in der Qualifikation für die Fußball-WM 2014 in Brasilien Kroatien und Serbien im Zagreber Maksimir-Stadion aufeinandertreffen. Ein Duell, das viel Brisanz in sich birgt. Die mediale Bühne, die dieses Spiel schafft, wird im Vorfeld erfreulicherweise nicht nur von den "Ewiggestrigen" für ihre Botschaften genutzt, sondern vor allem von progressiven Kräften, die eine versöhnende und weltoffene Geisteshaltung am Balkan vertreten.  

"Die Vergangenheit können wir nicht ändern"

Dass dieses sportliche Aufeinandertreffen - das "Bruderduell", wie es auch bezeichnet wird - viel mehr als nur ein Fußballspiel ist, scheint vielen am Balkan bewusst zu sein. Schon seit Monaten dominieren Schlagzeilen rund um das Match die Medien in Kroatien und Serbien. Auffallend ist, dass beide Seiten die Vergangenheit hinter sich lassen wollen und dieses Ereignis vornehmlich als eine Plattform für das Propagieren des freundschaftlichen und friedlichen Miteinanders verwenden. So hat etwa der Kapitän der kroatischen Nationalmannschaft vor einigen Wochen allen Spielern ins Gewissen gerufen: "Die Vergangenheit können wir nicht verändern, aber wir können Einfluss auf die Zukunft nehmen. Wir müssen mit unserem Benehmen auf dem Feld mit gutem Beispiel vorangehen.“

"Ich wünschte, ich hätte einen goldenen Stab"

Im Stadion selbst – das ist allen Beteiligten klar – wird die Stimmung aufgeheizt sein. Um etwaigen Ausschreitungen vorzubeugen, haben sich die Fußballverbände Kroatiens und Serbiens im Vorfeld der beiden Duelle (das zweite Duell findet am 6. September in Belgrad statt) darauf geeinigt, die Gästefans nicht ins Stadion zu lassen. Eine Maßnahme, die zwar radikal erscheinen mag, aber  angesichts dessen, dass die beiden Verbände unter strenger Beobachtung des europäischen Fußballverbandes UEFA stehen, der gedroht hat, die beiden Balkanstaaten bei weiteren Ausschreitungen aus dem Wettbewerb rauszuschmeißen, ist es eine vertretbare Vorsichtsmaßnahme.

Der Präsident von Crvena Zvezda, die serbische Fußballlegende Dragan Džajić, empfindet es als traurig, dass es so weit kommen musste, glaubt aber, dass es derzeit wohl nicht anders geht. "Dennoch denke ich, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis wir die Begegnungen in einer normalen Atmosphäre austragen werden können", gibt sich Džajić im Interview in der populären kroatischen Talkshow "Sonntags um zwei" (Nedjeljom u dva) optimistisch.

Davor Šuker, der Präsident des kroatischen Fußballverbandes, erhofft sich für alle ein großes sportliches Spektakel. Er garantiert, dass alles fair über die Bühne laufen wird und würde es begrüßen, wenn während der serbischen Hymne nicht gepfiffen werden würde: "Ich wünschte, ich hätte einen goldenen Stab und könnte auch garantieren, dass während der serbischen Hymne nicht gepfiffen wird“ sagte Šuker in einer Pressekonferenz, relativierte aber zugleich die Bedeutung der Pfiffe, in dem er darauf verwies, dass beispielsweise wenn England auf Frankreich treffe, auch gepfiffen werde.

Wie wichtig Fußball und die Einstellung der Sportfunktionäre für den Versöhnungsprozess auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens sind, zeigt auch der jüngste verbale Ausfall Zdravko Mamićs, seines Zeichens Präsident des kroatischen Fußballvereines Dinamo Zagreb, der eine Welle der Empörung am ganzen Balkan auslöste.

Eklat um Mamić: Bis zu drei Jahre Haft drohen

Mamić, der immer wieder mit vulgären und chauvinistischen Aussagen negativ auf sich aufmerksam macht, hat am vergangenen Freitag während einer Radiosendung den Minister für Sport und Bildung, Željko Jovanović, aufs Übelste beleidigt. "Jovanović ist ein Mensch, der alles Kroatische hasst. Ein Mensch, der Serbe ist (Jovanović gehört der serbischen Minderheit in Kroatien an, Anm.), kann nicht das wichtigste Ressort in der Republik Kroatien leiten. Er ist eine Beleidigung für den kroatischen Verstand, er ist ein Kroatenhasser. Bei ihm sieht man kein normales Lächeln, bei ihm sieht man nur Zähne, die bereit sind zum Schlachten."

Die kroatische Staatsanwaltschaft (DORH) stufte die Aussagen Mamićs als extrem gefährlich ein, insbesondere aufgrund des bevorstehenden Matches gegen Serbien, denn „sie könnten ermutigend auf Gruppierungen, die zu Gewaltanwendung neigen", wirken. Die DORH hat Anklage gegen Mamić erhoben, unter anderem wegen des Verstoßes gegen den Paragrafen 325 der kroatischen Strafgesetzesordnung (Hassreden gegen Personen aufgrund ihrer nationalen oder ethnischen Zugehörigkeit). Bei einer rechtskräftigen Verurteilung drohen ihm bis zu drei Jahre Haft.

Mittlerweile ist sich auch Mamić über die Wirkung seiner Aussagen bewusst geworden und entschuldigte sich gegenüber kroatischen Medien für seine Aussagen: "Mein Handeln ist absolut zum Verurteilen. Was und wie ich es gesagt habe, hat keinen Platz in einer zivilisierten Kommunikation. Ich möchte mich gegenüber den Serben entschuldigen und erklären, dass ich nicht das serbische Volk beleidigen wollte."

Svaka čast, komšije

Die kroatische Regierung wie auch der kroatische Präsident haben unisono Mamićs Aussagen aufs Schärfste verurteilt. Davor Šuker distanzierte sich ebenfalls umgehend von diesen Aussagen und sprach davon, dass Mamić dem kroatischen Fußball enorm geschadet habe.  Die kroatische Außenministerin Vesna Pusić bezeichnete diese Aussagen als Beleidigung gegen alle Bürger Kroatiens und die Würde des kroatischen Staates. Željko Jovanović interpretierte die Entscheidung der DORH, Anklage zu erheben, als einen Beweis dafür, dass Kroatien ein "ordentlicher Staat" sei.

Die Distanzierung der kroatischen Würdenträger von diesen Aussagen und das entschiedene Vorgehen der kroatischen Staatsanwaltschaft gegen Mamić wurden in Serbien begrüßt. So konnten man in den serbischen Medien unter anderem den Kommentar "Gratulation, Nachbarn" (Svaka čast, komšije) lesen. (Siniša Puktalović, daStandard.at, 19.3.2013)

  • Am Freitag, den 22. März treffen Serbien und Kroatien im Rahmen der WM-Qualifikation aufeinander.  Das"Bruderduell" ist viel mehr als nur ein Fußballspiel.

    Am Freitag, den 22. März treffen Serbien und Kroatien im Rahmen der WM-Qualifikation aufeinander.  Das"Bruderduell" ist viel mehr als nur ein Fußballspiel.

Share if you care.