Streit um Schriften: "Kyrillisch, schlecht für die Gesundheit"

Reportage18. März 2013, 18:40
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In der ostslawonischen Stadt Vukovar, an der Grenze zu Serbien, soll es bald kyrillische Aufschriften geben, so sieht es die kroatische Verfassung vor. Nationalisten protestieren

Mario versteht beide Seiten. "Die Kroaten hier erinnert das Kyrillische an die Aggression aus Serbien und an ihre Verstorbenen. Aber auf der Seite der Serben steht das Gesetz", meint der Geschäftsmann, der in die Eiseskälte auf dem Hauptplatz von Vukovar tritt, wo noch immer die zerschossenen Häuser zu sehen sind. Und was wird passieren, wenn die kyrillischen Tafeln eingeführt werden? "Gar nichts", sagt der Mann, " wenn die wirtschaftliche Situation hier nicht so schlecht wäre, könnte man das ohnehin nicht politisch missbrauchen."

Nicht alle Leute in Vukovar sehen das so wie Mario. Seit die kroatische Regierung angekündigt hat, überall dort kyrillische Bezeichnungen einzuführen, wo mindestens ein Drittel der Bevölkerung Serben sind - so sieht es die Verfassung vor -, empört dies manche Kroaten. Der Polizist Vlado Ilkic, der eine Demonstration gegen die Einführung von Kyrillisch organisiert hat, plädiert für ein Moratorium von zwanzig Jahren. "Für ein kroatisches Vukovar - Nein zu Kyrillisch", lautet das Motto seiner Gruppe. Zunächst müsste das Schicksal der Verschwundenen geklärt und Kriegsverbrecher verhaftet werden, meint er. Vukovar wurde 1991 von der Jugoslawischen Volksarmee und serbischen Milizen, beschossen, zerstört und eingenommen. Es fanden schwer Kriegsverbrechen an Nichtserben statt. Die Region an der Grenze zu Serbien wurde erst 1997 wieder in den kroatischen Staat integriert.

Zweifel an Volkszählung

Ilkic bezweifelt nicht nur die Volkszählung, die im Jahr 2011 34,8 Prozent Serben in Vukovar auswies, er glaubt auch, dass die Einführung von Kyrillisch "schlecht für die Gesundheit von Kriegstraumatisierten sein kann". Es könnte sein, dass sich "100 bis 200 Leute nicht zurückhalten" und die kyrillischen Schilder wieder abmontieren werden, glaubt Ilkic.

In der serbischen Gemeinschaft ist man angesichts der Drohungen ziemlich defensiv. Dragan Crnogorac, der die Serben in Vukovar politisch vertritt, meint, man solle die Wahlen zum Europaparlament (14. April) und die Lokalwahlen im Mai abwarten. Er ist schon zufrieden, dass die Tafeln überhaupt angefertigt wurden und irgendwo lagern. "Die Umsetzung des 13 Jahre alten Minderheitengesetzes soll nicht für die Wahlen missbraucht werden", sagt Crnogorac. Er denkt aber, dass es "als Signal" gut wäre, wenn die kyrillischen Aufschriften noch vor dem EU-Beitritt am 1. Juli eingeführt würden. Und er verweist darauf, dass es in Kroatien zweisprachige Ortstafeln mit italienischen, ungarischen und tschechischen Aufschriften gibt.

Tatsächlich kann man in der Nähe von Vukovar ungarische Ortstafeln finden. Lokale Friedensinitiativen haben zudem eine Petition gegen die Gruppe für ein "kroatisches Vukovar" gestartet. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 19.3.2013)

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    Im Februar 2013 demonstrierten tausende Kroaten in Vukovar gegen die Einführung von kyrillischen Schildern.

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