Missbrauchsopfer: "Ich habe mit meiner Biografie Frieden geschlossen"

Interview18. März 2013, 17:51
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Jahrelang wurde Andreas Huckele an der hessischen Odenwaldschule missbraucht. Sein Buch deckte mehr als 100 Fälle auf. Doch passiert sei danach kaum etwas

STANDARD: Sie haben vor kurzem den renommierten "Geschwister-Scholl-Preis 2012" für Ihr Buch "Wie laut soll ich denn noch schreien? Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch" erhalten. Eine späte Genugtuung?

Huckele: Es war in erster Linie eine ganz große Überraschung für mich. Ich dachte nicht, dass man sich das traut, weil es ja bedeutet, dass die Zivilgesellschaft etwas tut, was der Rechtsstaat nicht tut - nämlich das Leid und die Agenda der Betroffenen sexualisierter Gewalt ernst zu nehmen.

STANDARD: Nicht immer war die Resonanz der Zivilgesellschaft so groß. Sie haben Ihre Leidensgeschichte bereits 1999 publik gemacht, damals blieb der große Skandal aber aus. Erst als Sie 2011 mit Ihrem Buch den jahrzehntelangen systematischen sexuellen Missbrauch durch verschiedene Lehrkräfte an Schülern öffentlich machten, war der Aufschrei groß. Was war 2011 plötzlich anders?

Huckele: Ein Faktor ist sicher, dass an den Schaltstellen der Medien heute andere Menschen sitzen. Man sagt plötzlich: "Ja, das Thema ist spannend, und wir wollen darüber berichten." Und die Gesellschaft ist sensibler für solche Themen geworden. Aber verändert hat sich auch die Art und Weise, wie ich darüber spreche. Die zornige Energie, mit der ich 2011 aufgetreten bin, war viel massiver als noch 1999. Ich wusste ja jetzt, dass wir als Opfer mit der Odenwaldschule einen schwierigen Gegner haben, der mit allen Tricks versuchen wird, uns auszuschalten.

STANDARD: In Europa und den USA wurden seit der Jahrtausendwende massenhaft Fälle des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch katholische Geistliche bekannt. Gibt es einen nationalen Unterschied in der Aufarbeitung der Fälle, hat es überhaupt ausreichende Konsequenzen gegeben?

Huckele: International kann ich die Situation nur schwer beurteilen, da habe ich einfach zu wenig Einblick. Für Deutschland ist ganz klar: Es hat sich nicht viel geändert. Weder die Rechtslage noch das Schulsystem. Man hat viel geredet und kaum was getan. In den Köpfen herrscht immer noch die Einzeltätertheorie vor. Doch Einzeltäter sind die, die Zuckerln auf dem Spielplatz verteilen. Die hat die Polizei meist sehr schnell. Kinder und Jugendliche über Jahre zu missbrauchen funktioniert nur mit System.

STANDARD: Ihr Buch haben Sie noch unter einem Pseudonym veröffentlich. 2012 haben Sie dann ihr "zweites Ich" überraschend abgelegt. Warum?

Huckele: Ein ganz banaler Grund: Es stand die Preisverleihung an. Und ich wusste, dort kann ich nur als Andreas Huckele hin. Ich habe mit meiner Biografie Frieden geschlossen. Der Schmerz, das unglaubliche Leid, die Angst - es gehört zu meinem Leben.

STANDARD: Holt Sie die Vergangenheit heute noch oft ein?

Huckele: Natürlich ist die Vergangenheit präsent. Man wird so etwas nicht mehr los. Ich habe heute kein Vertrauen mehr in die Welt, das ich verlieren könnte. Manchmal erwischt es mich eiskalt, etwa in der Schnellbahn - klaustrophobische Attacken. Oder wenn jemand im Abteil anfängt mit dem Kuli zu klappern - da kann es schon sein, dass der Puls hochgeht, ich Schweißausbrüche bekomme. Viele Jahre kämpfte ich auch mit einem massiven Alkoholproblem. Und ich habe gelernt, Geräusche im Tiefschlaf auf Gefahr hin abzuchecken. Der Schulleiter kam jede Nacht. Ich war 13, als es anfing - und 16, als er aufhörte. Da habe ich mich zum ersten Mal gewehrt, ihn weggeschubst. Heute hilft mir der Sport - Halbmarathon, Marathon, Triathlon. Saufen hilft nicht, Laufen macht den Kopf frei.

STANDARD: Hat man sich bei Ihnen jemals entschuldigt?

Huckele: Nur halbherzige Floskeln. Uns Opfer hat nie jemand gefragt, was wir wollen und brauchen. Man hat uns wieder wie lästige ungezogene Kinder behandelt. Besonders treffend fand ich, dass die Opfer aufgefordert wurden, ein Formular auszufüllen und auf drei Zeilen zu beschreiben, was passiert ist. Das ist Zynismus pur. Ich habe die ISBN (Internationale Standardbuchnummer) von meinem Buch dort eingetragen. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 19.3.2013)

Andreas Huckele (43) war von 1981 bis 1988 Schüler der Odenwaldschule. Seine Geschichte in Buchform hat den Massenmissbrauch an dem hessischen Elite-Internat mit mehr als hundert Opfern bekanntgemacht. Heute lebt der studierte Politologe und Sportwissenschafter mit seiner Familie in Frankfurt und arbeitet als Gymnasiallehrer.

Huckele musste in dem berühmten Internat in den 80er-Jahren täglich sexuelle Übergriffe erdulden. Auf eine angemessene Entschuldigung wartet er bis heute.

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  • Andreas Huckele hat das berühmte Internat in den Achtzigerjahren besucht und musste dort täglich sexuelle Übergriffe erdulden. Auf eine angemessene Entschuldigung wartet er bis heute
    foto: privat

    Andreas Huckele hat das berühmte Internat in den Achtzigerjahren besucht und musste dort täglich sexuelle Übergriffe erdulden. Auf eine angemessene Entschuldigung wartet er bis heute

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    foto: ap/thomas lohnes
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