Der ewig tödliche Beziehungskampf

18. März 2013, 17:49
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Wie in Dublin oder Döbling: "Mamma Medea" im Landestheater Niederösterreich

St. Pölten - "Was gibt's Neues, Muschikatz?", fragt Tom "Tiger" Jones, ehe das Saallicht am Landestheater Niederösterreich signalisiert, dass die gelungene österreichische Erstaufführung von Mamma Medea in die Pause geht.

In der Bearbeitung der antiken Sage durch den Flamen Tom Lanoye, der diesbezüglich schon als Spezialist zu gelten hat (Schlachten!), gibt es tatsächlich wesentliche Neuerungen. Zugleich bleibt alles auch beim Alten, Ewiggültigen. Lanoyes Drama setzt mit dem ersten Aufeinandertreffen von Medea und Jason ein. Auf unerklärliche Weise fühlt sich die Tochter des Königs von Kolchis zu dem mit einem wohlproportionierten Ego ausgestatteten Helden hingezogen. Zugleich ist mit den ersten Worten klar, dass hier zwei Menschen aufeinandertreffen, die aus unterschiedlichen Welten stammen. Auf der einen Seite Medea, den alten Göttern verbunden und wie alle Kolcher in klassischen Versen sprechend, ihr gegenüber Jason, stets bemüht, die Stirn in lässige James-Dean-Gedächtnisfalten zu legen. Die Auslegung des Stoffes, wonach die Wurzel des ehelichen Scheiterns in der soziokulturellen Herkunft des Paares liegt, wird somit stark betont. Zugleich arbeitet Regisseur Philipp Hauß die Alltäglichkeit des Geschehens heraus.

Über zweieinhalb Stunden treffen in Martin Schepers kargem Bühnenbild Antike und Moderne aufeinander. Das groß aufspielende Ensemble lässt immer wieder auch leichtere Momente zu, welche der Inszenierung nichts von ihrer Intensität nehmen.

Franziska Hackl ist als Medea nicht bloß von Liebe und Hass gebeutelt, sondern agiert durchaus reflektiert. Der Unvereinbarkeit ihrer Auffassungen von einer Partnerschaft mit jenen Jasons (Moritz Vierboom) tut dies keinen Abbruch. Als sich dieser nach gemeinsamer Flucht am Hof Kreons in einen slicken Geschäftsmann verwandelt und mit dem Königstochterblondchen Kreusa (Lisa Weidenmüller) anbandelt, löst er einen Rosenkrieg aus, dessen Wortgefechte man so auch in Dublin oder Döbling erleben könnte.

Medea kann bei dem gezeigten Realitätssinn weder als allein schuldige Kindsmörderin gezeigt noch freigesprochen werden. Jason und sie töten ihre Buben gemeinsam - was als Schlussakt des scheinbar alltäglichen Scheiterns umso mehr irritiert. (Dorian Waller, DER STANDARD, 19.3.2013) 

Bis 12.4.

  • Jason (Moritz Vierboom) beim argonautischen Problemwälzen.
    foto: alexi pelekanos

    Jason (Moritz Vierboom) beim argonautischen Problemwälzen.

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