"Invasion!": Wunderwürfel mit arabischen Vorzeichen

18. März 2013, 17:29
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Die Junge Burg sorgt mit Jonas Hassen Khemiris Erfolgsstück für einen Sinnesrausch und die Schärfung des Blicks

Feenstaub und Terrorismus liegen im Vestibül des Burgtheaters nah beisammen.

Wien - Jonas Hassen Khemiris Stück Invasion! hat mit Abulkasem einen Hauptdarsteller, der im klassischen Sinn nie auftritt. Abu l-Qassim ist ein arabischer Name, eine Leerstelle, die im Dramenerstling des jungen schwedischen Autors für sämtliche Zuschreibungen herhalten muss: vom romantischen arabischen Prinzen bis zum bösen Sprengstoffattentäter. Fragt man Passanten nach Abulkasem, so erntet man entweder Schulterzucken oder Antworten wie "Terrorist" oder "Diktator".

Um das Prinzip der Einordnung geht es in Khemiris 2008 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführtem Stück, das seither über London und bis nach New York die Runde gemacht hat - jeweils gepriesen mit dicken Timeout -Sternchen. Das Ensemble der Jungen Burg widmet sich ganz der dem Stück innewohnenden Pracht seiner Schauplätze und Erzählschleifen.

Regisseur Alexander Wiegold treibt den Namen Abulkasem in seiner schrägen, knalligen Inszenierung wie einen Spielball durch das globale Dorf. Nacherzählbarkeit ist nicht dessen große Stärke: Es beginnt mit der Theateraufführung eines romantischen Dramas, in dem die Figur Abulkasem 1001 Nacht-Fantasien weckt. Mithin Theater im Theater, das mit allem dazugehörigem Feenstaub den Namen Abulkasem weiterspült in den Wortschatz der da zuschauenden Schüler. Bei ihnen wird das Wort Abulkasem schließlich zum Synonym für alles Mögliche, meist für Coolness.

Mit Prinzessinnen-Gesten und Prinzenlächeln nimmt das Stück also seinen unschuldigen Anfang. Die jungen Burgtheater-Mimen (Theaterfreaks und solche, die es durch diese Arbeit jetzt werden) haben das Zeug für dieses dann anwachsende, schnelle Into-the-face-Theater, das mit dem Vestibül-Publikum gut kommuniziert. Immer schön alle bei der Stange halten, das war ihnen wichtig.

Also weiter: Abulkasem ist, wie die weiteren Schauplätze zeigen, auch der (geborgte) Name eines sozial untalentierten Teenagers in einer Anbratdisco. Oder der (falsche) Name eines schwedischen Asylwerbers, dessen Arabisch die Dolmetscherin absichtlich nicht verstehen will. Und schließlich heißt Abulkasem auch der weltweit Gejagte im "War on terror" , dessen Identität Experten im Fernsehen dürftig zusammenbasteln.

Wie Bedeutungszufuhr funktioniert, wie wir Vorurteile bilden, das alles ist Thema von Invasion!. Das Stück zeigt, wie sehr Menschen auf das, was sie sehen oder hören, konditioniert sind. Im Hintergrund spielt Wiegold dazu Videobilder als Manipulationsmaterial ab. Das generiert einen Sinnesrausch, der vor der bröckelnden Fliesenwand mit Mauerspalt im Sinne von Alice in Wonderland (Ausstattung: Julia Rosenberger) nur selten einbricht. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 19.3.2013) 

Bis 21.4.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein durchgeknalltes Stück, ein Fantasiegebilde, wie aus einem Mauerspalt herausgerissen: Aaron Friesz, Wolf Danny Homann, Larissa Semke und Noah Saavedra (v. li.) in "Invasion!".

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