60 Jahre Matchbox: Eine Handvoll Glück

Video19. März 2013, 12:01
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Sie mobilisierten die Kindheit. Nun feiert Matchbox einen runden Geburtstag. Eine Video-Hommage samt persönlicher Aufarbeitung

Der Dealer hieß Frau Reiter. Offiziell betrieb die ältere Dame mit der stets perfekten Farah-Diba-Hochsteckfrisur und dem fahlbraunen Arbeitskittel ein Spielzeuggeschäft. Dort stand sie neben einer mit grüngrauem Linoleum überzogenen Budel in einem winzigen Raum, dessen Wände bis an die Decke mit kunterbunten Verheißungen vollgeräumt waren.

Direkt hinter ihr stapelte sie ihre gefährlichste Droge in kleinen Kartons, kaum größer als eine Streichholzschachtel, mit deren Inhalt sie den Nachwuchs der Kleinstadt angefixt hatte: Matchbox-Autos. Besonders brave Buben – ich war extrem brav! – durften die Ware vor dem Ankauf auf ihrer Linoleum-Piste ausführen, die Federung mit sanftem Fingerdruck testen, alle Details der Miniaturen – die Nasenspitze dicht an der Kante der Budel – mit Blicken abtasten.

Und Frau Reiter stand da, besah das Werk durch ihre von einer wuchtigen Hornfassung Marke "Josef Taus" gerahmten, dicken Brillengläser – und knöpfte einem, nachdem man ausgiebig gestaunt, beäugt und die Rollfähigkeit der Geräte ausgetestet hatte, ohne eine Miene zu verziehen 12 Schilling ab. Das war damals, Ende der 1970er, richtig viel Geld. Aber was sollte man machen, als Nachwuchs-Junkie auf Matchbox? Also trug man das Taschengeld – und so manchen gefladerten Kollekten-Fünfer aus dem Kirchgehrock des Vaters (jetzt ist es endlich raus) – zu Frau Reiter.

Matchbox: eine Video-Hommage. Auch die ehemalige Konkurrenz durfte teilnehmen.

Zuhause standen sie dann sorgsam aufgereiht, die sündteuren Erwerbungen. Jede für sich eine Trägerrakete für irrwitzige Stories, die opulent auf dem Wohnzimmerteppich oder – viel besser – in der Sandkiste inszeniert wurden. Von kindlicher Phantasie aufgeladen, hatte irgendwann jedes Auto einen eigenen Charakter, die persönlichen Favoriten wechselten im Wochenrhythmus, zu den Miniaturen von Lesney, London gesellten sich die Kollegen von Majorette, Siku oder Hot Wheels.

Landschaftsplanung für Anfänger

Ganz gleich von welchem Hersteller: Die Handlungsstränge waren eher hanebüchen. Verfolgungsjagden waren bald schon langweilig, Massencrashs hatten zweifellos Charme, ließen aber den Fuhrpark schwinden (die Radaufhängungen!). Also wurden Landschaften inszeniert.

Aus locker auf den Boden hingeworfenen Wolldecken (Berge), alten, bemalten Schachteln (Gebäude & Garagen) und aufgestellten Brio-Eisenbahnschienen (Zäune, Labyrinth!) verfertigte Stillleben waren das, die einem heute im Nu die psychiatrische Diagnose "Verhaltensauffälligkeit" einbringen würden. Aber damals gab es am flachen Land den Begriff "Psyche" noch nicht. Dafür gab es feudale Parkgaragen mit Gewindeaufzug, den knallroten Matchbox-Koffer und Plastik-Steck-Rennbahnen mit Loopings – nur eben bei den verwöhnten Nachbarskindern.

Andy Warhol für Arme

Die Folgen war Neid und ein Trauma, dem mit der Einrichtung einer Kleinlackiererei begegnet wurde. Mithilfe allerlei Lacktiegelchen und einem Pinsel wurden die Matchbox-Boliden optisch aufgepimpt. Das Ergebnis sah nach Andy Warhol für Arme aus, gänzlich bescheuert war hingegen die Idee, den heimatlichen Backofen als "Einbrennkabine" zu nutzen. Die Plastik-Interieurs schmolzen wie Butter in der Sonne, Mutters Guglhupf hatte noch ein halbes Jahr nach der Aktion eine herbe Acryl-Note im Abgang. Aber das ging vorbei. Wie auch die Matchbox-Phase. Die kleinen Flitzer wurden von Lego Technics verdrängt.

Mit der Zeit verlor sich ihr Schicksal in anonymen Kisten, deren Inhalt alle paar Jahre und nach kurzer, hektischer Selbstbefragung ("Wo sind eigentlich die Matchbox-Autos?") wieder hervorgekramt wird. Von Mal zu Mal wird der Fuhrpark kleiner. Wo ist der Jeep mit dem weißen US-Army-Stern? Der weinrote Lincoln Continental mit dem weißen Dach? Der gelbe Bagger? Verschwunden. Zurück bleibt die Erinnerung an ein paar kleine Metallautos. Nichts mehr als eine Handvoll Glück. (Stefan Schlögl, Musik: Kevin MacLeod, Incompetech; derStandard.at, 19.3.2013)


10 Dinge, die Sie über Matchbox wissen sollten

  1. Der Hersteller der Matchbox-Autos, die Lesney Products & Co. Ltd.,  wurde 1947 von Leslie Smith und Rodney Smith gegründet. Der Firmenname der Londoner Zinkguss-Fabrik ist ein Destillat aus den Vornamen der Geschäftspartner. Beide waren nicht miteinander verwandt.
  2. Um die Produktionsflauten gegen Jahresende zu überbrücken, fasste man 1952 den Entschluss, Modellspielzeug herzustellen. Erster Erfolg: ein Mini-Modell der Krönungskutsche von Elisabeth II.
  3. Der Impuls zur Fertigung von Modellautos kam von Mitarbeiter Jack Odell. Dessen Tochter, so will es die Legende, litt unter einer Vorschrift an englischen Schulen: Mitgebrachtes Spielzeug durfte nicht größer als eine Streichholzschachtel (engl. Matchbox) sein. Odell fertigte eine Dampfwalze, die sich an das Limit (mehr oder weniger) hielt. Die Marke "Matchbox" war auf der Welt. 1953 lief die erste Serie im Maßstab 1:64 vom Band.
  4. Um den Wildwuchs an neuen Baumustern einzudämmen, limitierte Lesney schon bald das Angebot auf 75 Modelle im Jahr, die Serie 1-75. Das heißt: Für jedes neue Muster wurde ein Modell aus der Produktion genommen.
  5. Weitere Linien: die hochwertigeren King Size, die Oldtimer-Linie Models of Yesteryear, Convoy (Sattelschlepper) und die preiswerte Dinky Collection.
  6. Ende der 1960er schlitterte Lesney in eine schwere finanzielle Krise. Bis dahin hatte man die Angriffe zahlreicher Nachahmer (Siku, Majorette, Corgi, Schuco) abwehren können – bis 1968 der US-Spielzeugriese Mattel mit der "Hot Wheels"-Serie den Markt aufrollte.
  7. Die "Hot Wheels"-Modelle hatten im Gegensatz zu den Matchbox-Boliden reibungsarme Achsen und waren ergo die Champs beim Kinderzimmer-Race. Lesney konterte in den Siebzigern mit den "Superfast"-Modellen, ebenfalls mit Leichtlaufrädern.
  8. 1979 produzierte Lesney noch fünf bis sechs Millionen Spielzeuge pro Woche. Doch den Wandel in der Spielzeugbranche verschliefen die Engländer. 1982 ging das Unternehmen bankrott.
  9. Ein Investor aus Hongkong kaufte die Marke für 16,5 Millionen Pfund. 10.000 chinesische Arbeiter fertigten fortan 300.000 Modellautos täglich. 1997 ging Matchbox an den ehemaligen Konkurrenten Mattel.
  10. Als teuerstes Matchbox-Auto gilt der Lesney Dumper Truck, ein Prototyp für eine Large-Scale-Serie. 2010 bezahlte ein Japaner für das Einzelstück 10.000 Pfund (etwa 11.700 Euro). Die letzte Schätzung für die Matchbox-Gesamtproduktionszahl stammt aus dem Jahr 2007: Von 12.000 Modellen wurden drei Milliarden Autos gefertigt.
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