Migration und Museum

Rezension18. März 2013, 12:37
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Sichtbar- und anders machen - Nachdenken über die Präsentation von Migrationsbewegungen

Die Geschichte der Menschheit könnte leicht als eine Geschichte der Migration interpretiert werden. Schließlich zählen Migrationsbewegungen seit Anbeginn zu stark prägenden Ereignissen - politisch, gesellschaftlich, kulturell. Man denke nur an den Auszug aus Ägypten, die sogenannte "Völkerwanderung“ in der Spätantike, die Kolonialisierung und Auswanderungen seit dem Fortschritt der Schifffahrt oder Europas zahlreiche kriegsbedingte Migrationsbewegungen. Trotz dieser wichtigen - man möchte fast sagen treibenden - Rolle in der Geschichte blieb Migration museumstechnisch gesehen lange außen vor.

Leise Debatte in Österreich

International scheint es aber nun einen Boom der Migrationsmuseen zu geben - wenngleich es in Österreich erst eine leise Debatte um ein solches Museum gibt. Dies könnte aber laut einem neuen Buch zum Thema auch daran liegen, dass es in Österreich generell kein nationalgeschichtliches Museum gibt. Im von Regina Wonisch und Thomas Hübel herausgegebene Sammelband "Migration und Museum" werden Ansätze, Migration im Museum zu thematisieren, untersucht. Es handelt sich hierbei um exemplarische Analysen von Projekten im deutschsprachigen Raum wie die unvergessliche "Gastarbajteri"- Ausstellung im Wien Museum im Jahre 2004 oder die Arbeit des DOMiD in Deutschland. Aber auch internationale Konzepte aus dem angloamerikanischen Raum oder Frankreich werden untersucht.

Der allgemeine Tenor des Buches - eine "einfache“, unreflektierte Repräsentation von Migration in Museen ist wohl nicht die Lösung. Vielmehr sollte einigen konzeptuellen Fragen nachgegangen werden: Sollte das Ziel nicht eher eine allgemeine Implementierung von Migrationsgeschichte und Migration in alle Museumskonzepte sein? Rückt eine "Sichtbarmachung“ von Migrationsgeschichte in (eigenen) Museen oder Ausstellungen die Thematik ins Scheinwerferlicht oder führt diese Methode vielmehr zu einer weiteren Andersmachung, einer Differenzierung und Ausgrenzung? Was ist überhaupt ein "Objekt“ der Migration, ein adäquates Exponat, das fern von Klischees und Ethnographisierung materielle Kultur repräsentiert?

Zwischen dem "Eigenen" und dem "Anderen"

"Gegen eigene Migrationsmuseen spricht, dass der Aspekt der Diversität in möglichst vielen Museen Berücksichtigung finden sollte, um so deutlich zu machen, dass kaum ein geschichtliches Phänomen nicht mit der Migration [...] verknüpft ist“, schreibt etwa die Herausgeberin Regina Wonisch. Während im Buch die Perspektive, Geschichte und Bedeutung der Migration für die Gesellschaft und auch für ein gemeinsames Erinnern betont wird, bleiben die Schlüsse vorsichtig und immer reflektiert. Migration im Museum steht nämlich in einem Spannungsfeld zwischen dem "Eigenen“ und dem "Anderen", und "dem Format Museum" sei konventioneller Weise "ein kolonialer Gedanke zutiefst eingeschrieben“. Die Frage ist nun nicht mehr, ob Migration ins Musem gehört, sondern wie. (Olja Alvir, daStandard.at, 18.03.2013)

Regina Wonisch, Thomas Hübel (Hg.)

Museum und Migration

Konzepte - Kontexte - Kontroversen

transcript Verlag

232 Seiten, 27,80 €

Link:

Die Geschichte der Migranten sichtbar machen - Interview mit Ljubomir Bratic 

 

 

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    foto: transcript verlag
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