Schaaf angezählt, Arnautovic in der Kritik

18. März 2013, 15:50
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Nach dem enttäuschenden 2:2 gegen Schlusslicht Greuther Fürth stecken die Werderaner mitten im Abstiegssumpf

Bremen - Erboste Fans, Pfeifkonzerte, auf der Bank schmorende Stammspieler, ein verzweifelt wirkender Trainer, ein konsternierter Manager, Platz 14 in der Tabelle. Die Rede ist nicht von irgendeinem Null-acht-fünfzehn-Verein, die Rede ist von Werder Bremen, dem vierfachen Deutschen Meister, sechsfachen Cupsieger und damit einem der erfolgreichsten Klubs der deutschen Bundesliga.

Spätestens seit dem 2:2 am vergangenen Wochenende gegen Tabellenschlusslicht SpVgg Greuther Fürth läuten an der Weser die Alarmglocken, die Grün-Weißen stecken plötzlich mitten im Abstiegskampf. "Ich kann es nicht nachvollziehen, dass die Mannschaft keine Leidenschaft zeigt. Es ist unwichtig, welches System wir spielen und welche Spieler auf welcher Position spielen. Es geht darum, alles abzurufen, und das hat die Mannschaft nicht gemacht", sagte Trainer Thomas Schaaf danach. Noch lange nach dem Abpfiff war ihm sein Zorn deutlich anzumerken: "Ich bin richtig sauer", so der Werder-Coach.

Und auch bei Geschäftsführer Thomas Eichin war die gute Laune der vergangenen Wochen verflogen. Mit versteinerter Miene verfolgte er das Treiben in den Katakomben des Weserstadions und versuchte sich in Durchhalteparolen. "Die Situation ist die gleiche, wie sie vorher war. Angst ist immer ein falscher Wegbegleiter", sagte Eichin. Seit seinem Amtsantritt am 14. Februar hat Werder kein Spiel gewonnen.

Gellendes Pfeifkonzert

Die Geduld der Fans ist in Bremen aufgebraucht, die Spieler wurden mit einem gellenden Pfeifkonzert verabschiedet. Zudem sorgte ein Plakat ("1999-2013 ist genug") für Wirbel, das vor dem Spiel auf der Haupttribüne ausgerollt und von Sicherheitskräften schließlich entfernt wurde. Fans forderten darauf den Abgang von Schaaf, Aufsichtsrat Willi Lemke und Präsident Klaus-Dieter Fischer.

Schaaf keine "Institution"

Schaaf zeigte Verständnis für die unzufriedenen Zuschauer, auf erneut aufkommende Diskussionen über seine Person reagierte er genervt. "Ich konzentriere mich auf meinen Job. Ich bin nicht so wichtig", sagte der 51-Jährige. Schaaf drohen allerdings stürmische Zeiten, zumal die anstehenden Aufgaben nach der Länderspielpause mit den Europacup-Anwärtern FSV Mainz 05 und Schalke 04 nicht einfacher werden und obendrein der Rückhalt von Seiten des Vereins zu schrumpfen scheint. "Ich bewerte Thomas Schaaf nicht als Institution, sondern nach dem, was er jeden Tag leistet. Und das ist sehr, sehr gut". Aber "es ist nicht so, dass hier ein Trainerwechsel, so wie das immer behauptet wird, völlig ausgeschlossen ist", erklärte Eichin. Aktuell sei er jedoch noch überzeugt von Schaaf. "Thomas gibt alles, er analysiert alles, er versucht alles, mehr kann er nicht machen", so der Nachfolger von Klaus Allofs.

Kritik an Arnautovic

Kritik von dem 46-Jährigen erntete vor allem die Mannschaft: "Wir müssen auf dem Platz 90 Minuten durchziehen, was der Trainer vorgibt. Und wir müssen jeden Tag zeigen, dass wir Profis sind. Das wird nicht konsequent genug gemacht. Mir hat vieles nicht gefallen, was ich gesehen habe - auch bei den Einwechslungen, wie sich der ein oder andere verhalten hat." Gegen Fürth wurden nur zwei Spieler eingewechselt. Einer davon war Aaron Hunt, der Werder mit zwei Elfmetertreffern den Punkt sicherte, der andere ÖFB-Teamspieler Marko Arnautovic, der noch im Herbst über den grünen Klee gelobt wurde. Angesprochen auf diesen Umstand antwortete Eichin knapp: "Dann wissen Sie ja, was ich meine."

Nach dem fünften Spiel in Folge ohne Sieg und drei Niederlagen richtet sich der Blick des einstigen Europacup-Anwärters nach unten. Durch den Sieg des FC Augsburg beim Hamburger SV schmolz der Vorsprung der Grün-Weißen auf den Relegationsplatz auf sechs Punkte.

"Das geht ganz schnell. Wir müssen höllisch aufpassen und uns jetzt schnell fangen. So darf man gegen einen Tabellenletzten nicht spielen", monierte der sichtlich angefressene Vize-Kapitän Hunt. Vor allem in der Defensive sei sein Team "zu schläfrig" gewesen.

Mit 51 Gegentoren Ligaspitze

Ein eindeutiges Indiz für die miserable Defensivarbeit stellen die 51 Gegentore dar, die allesamt Torhüter Sebastian Mielitz kassiert hat. Im Ranking der erhaltenen Treffer sind die Werderaner in der Liga top. Daher sieht auch der gegen Fürth unsicher wirkende Keeper den Verein in akuter Abstiegsgefahr. Aufkeimende Gerüchte über eine Rückkehr von Torhüter Tim Wiese wurden von Sportdirektor Thomas Eichin eilig dementiert. "Tim Wiese ist hier kein Thema", sagte Eichin über den 31-Jährigen, der in Hoffenheim suspendiert wurde und zwischen 2005 und 2012 194 Ligaspiele für Werder bestritten hatte.

Wagt man einen Blick auf die Tabelle, so sieht es relativ düster aus für die Werderaner: 30 Punkte nach 26 Runden stehen zu Buche. Noch schlimmer steht es nur für Düsseldorf (29), Augsburg (24), das sich auf dem Relegationsplatz befindet, Hoffenheim (20) und Schlusslicht Fürth (15). Andererseits besteht auch Hoffnung, zumal nach oben hin ein dichtes Gedränge herrscht. So hat zum Beispiel mit Hannover 96 der Tabellenzehnte auch nur 34 Zähler auf dem Konto.

Es gab schon wesentlich schönere Zeiten für die Fans der Grün-Weißen von der Weser, zum Beispiel in der Saison 2003/04. Damals feierten die Werderaner nach einem blamablen Ausscheiden gegen ASKÖ Pasching im UI-Cup-Halbfinale überraschender Weise Titel und Cuperfolg (3:2 gegen Alemannia Aachen) und damit das Double. Und Werders brasilianischer Stürmer Aílton avancierte übrigens mit 28 Treffern zum Torschützenkönig der Liga.

Damals beherrschten Fangesänge wie "Lebenslang grün-weiß" (Was für ein Jahr, wir waren immer voll da. Und machten Unmögliches wahr. Wir lebten Fußball mit Herz und Verstand. Und spielten den Rest an die Wand...) die Stimmung auf den Rängen. Im Frühjahr 2013 dominieren Pfiffe im Weserstadion. (sid, red, derStandard.at, 18.3.2013)

  • Ein Bild mit Symbolcharakter: Marko Arnautovic und Sokratis Papastathopoulos (li). Im Spiel der Werderaner ist der Wurm drin.
    foto: epa/carmen jaspersen

    Ein Bild mit Symbolcharakter: Marko Arnautovic und Sokratis Papastathopoulos (li). Im Spiel der Werderaner ist der Wurm drin.

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