Jammern über Religionslehrermangel ungerechtfertigt

Leserkommentar18. März 2013, 12:13
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Trotz staatlicher Unterstützung schafft es die Kirche nicht, Angebot und Nachfrage zu regeln

Rechtzeitig zum konklavebedingten Kirchenhype ließ das Schulamt der Erzdiözese St. Pölten mit einer "Horrormeldung" aufhorchen: Die Spezies (katholischer) Religionslehrer ist vom Aussterben bedroht! In Windeseile wurde die Warnmeldung über die üblichen Kanäle verbreitet: ORF-NÖ schlug sofort Alarm und zitierte ergiebig aus dem Schreiben während das Gratisblatt "Heute" in seiner NÖ-Ausführung diese Schreckensmeldung gleich zur Titelgeschichte machte. Eine Heldin des Tages hatte "Heute", samt Bild, auch parat: Eine nette 23-jährige Religionslehrerin, die mit ihrem persönlichen Beispiel („Glaube spielte schon immer eine große Rolle für mich. Das möchte ich an meine Schüler weitergeben") vermutlich eine ganze Generation von Religionsmuffeln dazu inspirieren wird, ihr zu folgen und an Klein und Groß –auf Kosten der Allgemeinheit – die Frohe Botschaft zu verkünden.

"Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne" pflegte schon Kohelet, wie vermutlich jeder katholische Religionslehrer weiß, zu sagen (Koh 1,9), und Kohelet, wer immer er auch war, wusste genau, wovon er ex-ante sprach: "Schule: Religionslehrer an Pflichtschulen dringend gesucht" verkündete beispielsweise Kathpress, das kirchliche Sprachrohr, am 27.7.2011 und anlässlich der Religionslehrer-Rekrutierungsaktion für das Jahr 2009 versprach ORF-Kärnten am 5.10.2009 "Gute Chancen für angehende Religionslehrer". Diese wiederkehrenden, an Hiobsbotschaften gekoppelten Rekrutierungsmaßnahmen, lassen sich bis in die 1990er verfolgen, mit etwas mehr Einsatz auch weiter zurück.

Eines muss man der katholischen Kirche lassen: In Sachen Bildung ist ihr ein Kunststück gelungen. Dank eines jahrtausendealten Kreuzzugs gegen Bildung, paradoxerweise gekoppelt an einen jahrhundertealten Vorstoß sich als Erfinderin und Hort der Bildung zu positionieren, gelang dieser Organisation auch in Österreich etwas durchzusetzen, das in einer Demokratie hinterfragt werden soll.

Vom Staat finanzierter Religionsunterricht

Es gehört nämlich nach wie vor zum politischen Konsens, dass der Staat, der allerdings gemäß Verfassung die Schulhoheit hat, in allen Schulen – auch in öffentlichen – den Religionsunterricht nicht nur anzubieten sondern auch zu finanzieren hat. Wer allerdings glaubt, dass dies der Kirche reicht, der irrt.

Vor 15 Jahren ließ die katholische Kirche über den Umweg des ÖVP-dominierten Bildungsministeriums einen Ethikunterricht lediglich als Ersatzpflichtgegenstand zum Religionsunterricht, also als Strafunterricht für konfessionsfreie beziehungsweise konfessionelle jedoch religionsunwillige Schüler, einführen. Der Staat fördert also nicht nur das Angebot, sondern auch die Nachfrage.

Gejammer über Religionslehrermangel eine Frechheit

Vor diesem Hintergrund stellt das wiederkehrende und medial unterstützte Religionslehrermangelgejammer - sehr milde formuliert - eine Frechheit dar. Trotz staatlicher Unterstützung schafft die katholische Kirche weder die Nachfrageseite zumindest zu stabilisieren noch das Angebot aufrecht zu halten. Mit dringenden Appellen an die Öffentlichkeit soll aber der Lauf der Zeit umgekehrt und das Abendland gerettet werden.

Eine Religionsgemeinschaft, die es nicht einmal mit staatlicher Unterstützung schafft, die religiöse Erziehung der nächsten Generation zu gewährleisten, wird aber über kurz oder lang bedeutungslos werden. Die materiellen und geistigen Ressourcen, die der Staat einsetzt, um den Einfluss und Machterhalt dieser und jeder anderen Religionsgemeinschaft zu schützen, sind anderswo besser aufgehoben. (Leserkommentar, derStandard.at, 19. 3. 2013)

Mag. Eytan Reif, Jahrgang 1971, ist Vorstandsmitglied der laizistischen "Initiative Religion ist Privatsache".

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