HPV: "Eine Impfung, und keiner geht hin"

Interview18. März 2013, 08:02
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Warum nutzen so wenige Menschen die Sicherheit, die eine Impfung gegen Humane Papillomaviren (HPV) bringt?

Warum nutzen so wenige Menschen die Sicherheit, die eine Impfung gegen Humane Papillomaviren (HPV) bringt, fragt der Gynäkologe Christian Marth. Mit ihm sprach Karin Pollack über Risiken, Sex und Rauchen.

STANDARD: Bei Frauenärzten hängt ein Plakat mit dem Slogan "Manchmal steht nur eine Impfung zwischen Leben und Tod. Gebärmutterhalskrebs kann töten". Verantwortlich dafür ist die Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (ÖGGG). Wollen Sie Frauen Angst machen?

Marth: Diese Aktion war drastisch, aber die Situation in Österreich ist unerträglich. Wir haben eine Impfung gegen Krebs, und keiner geht hin. Gerade einmal zwei Prozent haben sich impfen lassen. Österreich ist das einzige europäische Land, das die HPV-Impfung nicht finanziell unterstützt. 2011 sind 160 Frauen an Cervixkarzinom, also dem Gebärmutterhalskrebs, gestorben. Es ist eine Krebsart, bei der in 99 Prozent HPV involviert ist. Wir wollten wachrütteln.

STANDARD: Sie machen Werbung für eine Impfung. Lassen sich Ärzte von Pharmafirmen einspannen?

Marth: Das sehe ich nicht so, denn uns Gynäkologen bringt die Impfung finanziell gar nichts. Es ist eine effektive Krebsprävention. 6000 Frauen werden jährlich wegen Krebs oder Krebsvorstufen am Gebärmutterhals operiert (Konisation im Fachbegriff, Anm.), dem voran geht der Satz: "Ihr Pap-Test, also der Krebsabstrich, ist nicht in Ordnung." Das macht auch Angst.

STANDARD: Warum ist der jährliche Pap-Abstrich eigentlich eine ungenügende Krebsvorsorge?

Marth: Es gibt in Österreich kein Screening-Programm für Cervixkarzinom, nicht alle Frauen gehen regelmäßig zum Gynäkologen. Mit dem Pap-Abstrich übersehen wir 30 Prozent der HPV-bedingten Fälle. Ich betreue eine 28-jährige Patientin, die regelmäßig den Krebsabstrich gemacht hat und an Gebärmutterhalskrebs erkrankt ist. Sie wird daran sterben. Das macht mich betroffen, weil ihr Tod durch die Impfung sehr wahrscheinlich hätte verhindert werden können.

STANDARD: Es gibt mehr als 100 verschiedene HPV-Stämme, 20 sind krebserregend, geimpft wird - je nach Impfstoff - gegen zwei bzw. vier HPV-Stämme. Reicht das?

Marth: 70 Prozent der Cervixkarzinome werden durch HPV-16 und HPV-18 verursacht, 30 Prozent von anderen. Die HP-Viren sind miteinander verwandt, durch die Impfung werden sie miterfasst. Diese Kreuzreaktivität erweitert den Impfschutz. Zudem schützt die Impfung auch vor Genitalwarzen, eine unangenehme Erkrankung, die immerhin zehn Prozent aller Frauen betrifft. Impfprogramme in Australien, Dänemark und Schottland zeigen, dass die Zahl der HPV-Infektionen und Konisationen durch die Impfung zurückgegangen sind.

STANDARD: Wird man das nicht erst in 20 Jahren beurteilen können?

Marth: Es gibt Erfahrungen aus Ländern, in denen Impfprogramme gestartet wurden, die zeigen, dass die Krebsvorstufen durch die Impfung zurückgehen. Aus Krebsvorstufen entwickeln sich Cervixkarzinome. Zu warten, bis der Rückgang von Karzinomen bewiesen ist, hieße, dass Frauen unnötigerweise weiter erkranken.

STANDARD: Eine große Unsicherheit sind aber die Impfreaktionen ...

Marth: Die Impfung ist sicher, dafür gibt es ausreichend Dokumentation. Sie wurde 100 Millionen Mal durchgeführt, es gab keine relevanten Zwischenfälle. Ganz selten wird Kollapsneigung beobachtet und Reizungen an der Einstichstelle.

STANDARD: Was ist mit der jungen Frau, die nach einer HPV-Impfung gestorben ist?

Marth: Da gab es keinen Zusammenhang mit der HPV-Impfung. Dass ungeimpfte junge Frauen aus ungeklärter Ursache sterben, passiert in Österreich 70-mal pro Jahr. Diese Zahl ist seit Jahrzehnten stabil. Einen solchen Todesfall mit der HPV-Impfung in Zusammenhang zu bringen ist Willkür.

STANDARD: Was ist mit Hilfsstoffen in Impfungen, etwa Aluminium?

Marth: Aluminium ist eine große Diskussion, wir machen gerade eine Studie, inwiefern Aluminiumsalze in Deos in einem Zusammenhang mit Brustkrebs stehen könnten. Aluminium kommt ja auch in unserer Umwelt vor. Die Dosierung in der Impfung ist so gering, wird auch nur dreimal appliziert, dass ich keinen Effekt befürchte. Deos werden über Jahre täglich angewendet.

STANDARD: Realistisch betrachtet: 160 Frauen sterben in Österreich am Cervixkarzinom. Jeder Fall ist tragisch, aber parallel gibt es auch HPV-infizierte Frauen, die keinen Krebs entwickeln. Rechtfertigt diese Sachlage eine flächendeckende Impfung?

Marth: Für uns Ärzte zählt Evidenz, daraus leiten sich unsere Empfehlungen ab. Es geht schließlich auch um die Verantwortung, die wir Menschen gegenüber haben. Je höher die Impfrate, umso größer die Herdenimmunität. Wer geimpft ist, schützt also auch andere. Mit diesem Grundprinzip hat man es geschafft, schwere Krankheiten auszurotten. Das wollen wir auch mit dem Cervixkarzinom erreichen.

STANDARD: Können sich Nichtgeimpfte vor HPV schützen?

Marth: Nicht einmal Kondome schützen unbedingt vor HPV, Hautkontakt reicht für eine Infektion. Ein häufiger Wechsel der Geschlechtspartner erhöht das Risiko. Allerdings entwickeln nur die wenigsten Frauen ein Cervixkarzinom. Einer der wichtigsten Risikofaktoren ist Rauchen - auch hier ist Österreich mit seiner Politik Europas Schlusslicht. Wir sehen auch die veränderten Geschlechtspraktiken der Menschen. Tumoren im Hals-Rachen-Raum, die von HP-Viren verursacht sind, nehmen zu sowie auch die Analkarzinome. Die Impfung würde auch das reduzieren.

STANDARD: Sehen Sie an der Klinik nicht immer nur eine Negativauslese von Patientinnen?

Marth: Natürlich sehen wir an der Klinik all jene Frauen, deren Immunabwehr mit dem HP-Virus nicht zurechtkommt. Bei Konisationen schneiden wir befallenes Gewebe weg, aber das Virus bleibt im Körper, und es kann zu Rückfällen kommen. Frauen nach Konisationen haben viermal häufiger Fehlgeburten. Auch diese Komplikation ist indirekt eine Folge von HPV, die durch die Impfung vermieden werden kann.

STANDARD: Impfen Gynäkologen und Gynäkologinnen ihre Kinder?

Marth: Die ÖGGG hat eine Umfrage unter ihren Mitgliedern gemacht. 84 Prozent impfen ihre Kinder, und zwar Buben und Mädchen. Das ist überzeugend. Sogar Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, war ein Impf-Befürworter, damals ging es um die Ausrottung der Pocken. Dieses Ziel ist erreicht.

STANDARD: Wie erklären Sie sich die HPV-Impfmüdigkeit?

Marth: Wir Gynäkologen nehmen uns zu wenig Zeit, um mit den Frauen über dieses Thema zu sprechen. Es ist auch schwierig. Für zwölfjährige Mädchen ist Geschlechtsverkehr meist noch kein Thema, geschweige denn die damit verbundene Gefahr eines Cervixkarzinoms, das nach einer Infektion vielleicht erst in 20 Jahren entsteht. Es ist die Komplexität des Themas und die nicht unmittelbare Bedrohung, die der Grund für die Impfmüdigkeit ist. (Karin Pollack, DER STANDARD, 18.3.2013)

Christian Marth (53), Präsident der ÖGGG, leitet seit 1998 die Klinik für Gynäkologie an der Med-Uni Innsbruck. Der Südtiroler hat in Graz und Innsbruck studiert und lange in Oslo gearbeitet.

  • "Laut einer Umfrage unter Gynäkologen und Gynäkologinnen impfen 84 Prozent ihre eigenen Kinder."
    foto: apa/mick tsikas

    "Laut einer Umfrage unter Gynäkologen und Gynäkologinnen impfen 84 Prozent ihre eigenen Kinder."

  • Christian Marth, Präsident der Österreichischen Gynäkologischen Gesellschaft, hat viele Argumente für die HPV-Impfung.
    foto: derstandard/andy urban

    Christian Marth, Präsident der Österreichischen Gynäkologischen Gesellschaft, hat viele Argumente für die HPV-Impfung.

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