Eine Künstlerin im Wahren der Distanz

Porträt17. März 2013, 18:57
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Ilona Gusenbauer darf sich auch bald 42 Jahre nach ihrer größten Tat im Sport Österreichs bisher letzte Weltrekordlerin in der Leichtathletik nennen. Viel lieber nennt sich die 65-jährige Malerin aber "begeisterte Oma"

Wenn Ilona Gusenbauer von Ilona Majdan erzählt, von der im Herbst 1947 in Gummersbach bei Köln geborenen Tochter einer Rheinländerin und eines ungarischstämmigen Wieners, schwingt Zärtlichkeit, aber auch ein wenig Selbstironie mit. Und man sieht dann die Wiener Schülerin Ilona Majdan förmlich vor sich, wie sie einherschreitet - nach einem heftigen Wachstumsschub, den die Hosen nicht mitgemacht haben, wie der sprichwörtliche Storch im Salat. Da war auch Spott zu ertragen. "Ich hätte Augen wie Bergseen, hat einer gesagt. Aber nicht wegen der Farbe, sondern weil sie so weit oben sind", erinnert sich die 1,81 Meter große Ilona Gusenbauer, die heute in Breitenfurt bei Wien lebt.

Auf der Birkenwiese am Donaukanal, bei einem Schulsportfest Anfang der 1960er-Jahre, erntete das hoch aufgeschossene Mitglied des Turnvereins Union Landstraße dagegen Bewunderung. Zwar misslang der barfüßigen Ilona Majdan der 100-m-Lauf, aber im Weitsprung wurde sie Zweite. Und dann kam der Hochsprung. "Und in den war ich vom ersten Sprung an verliebt."

Sprunghaft

Es sollten noch viele Sprünge werden an diesem Tag. "Sie haben mit 80 Zentimetern begonnen und immer um drei Zentimeter gesteigert, über einem Meter dann um zwei Zentimeter." Ilona Majdan überspringt nach einer rudimentären technischen Einschulung 1,45 Meter. Der Teenager, der auch später nie ohne Zeichenstift auskommen sollte, zeichnet sich damit einen bemerkenswerten Karriereweg vor, der im Prater, beim Wiener Athletiksport Club (WAC) und in einer Zeit so richtig beginnt, in der Österreichs Leichtathletik nach längerer schöpferischer Pause wieder mehrere Athletinnen von Weltklasseformat hervorbringt.

1967 verbessert Ilona, die nach der Hochzeit mit ihrem beim WAC kennengelernten Trainer Roland inzwischen Gusenbauer heißt, den Hochsprungrekord einer gewissen Liese Prokop, geborene Sykora, um einen Zentimeter auf 1,71 Meter. Die beiden sind Vereinskolleginnen, nachdem die Gusenbauers in die Südstadt zu Gunnar Prokops Verein Union Energie gewechselt sind. Liese Prokops jüngere Schwester Maria gehört auch dazu. " Wir waren das Dreimäderlhaus", sagt Ilona Gusenbauer. Ein nicht immer harmonisches Haus, wenn auch die eigentlichen Differenzen vornehmlich zwischen den Trainerpersönlichkeiten Roland Gusenbauer und Gunnar Prokop ausgetragen wurden.

Erfolge

Sportlich geht es jedenfalls gemeinsam bergauf. Bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt 1968, wenige Monate nach der Geburt ihrer Tochter Ulla, wird Ilona Gusenbauer Achte im Hochsprung (1,76 m). Liese Prokop gewinnt Silber im Fünfkampf und markiert im Jahr darauf zwei Weltrekorde. 1970 gelingt Ilona Gusenbauer auch ein Weltrekord, nämlich in der Halle, genauer in der Wiener Stadthalle. Sie überspringt anlässlich der Europameisterschaften 1,88 m.

Fast logisch ist Gusenbauers Freiluft-EM-Gold im Jahr darauf in Helsinki (1,87 m). Eine Weltsensation folgt dagegen nur drei Wochen später. Am 4. September 1971 verbessert Ilona Gusenbauer im Rahmen eines Fußball-Länderspiels zwischen Österreich und Schweden (1:0) im fast vollen Praterstadion den Weltrekord der Rumänin Iolanda Balas um einen Zentimeter auf 1,92 Meter.

Zertifikat für Weiblichkeit

Balas war seit 1958 Weltrekordlerin gewesen, aber 1966, vor der EM in Budapest, plötzlich von der Bildfläche verschwunden - wie etliche andere Athletinnen auch, nachdem der Leichtathletikweltverband Geschlechtstests angeordnet hatte.

"Ich habe heute noch das Zertifikat für meine Weiblichkeit", sagt die dreifache Mutter und zweifache Großmutter Ilona Gusenbauer, die sich diesbezüglich an manch bemerkenswerten Fall, etwa an jenen der sowjetischen Leichtathletikgeschwister Tamara und Irina Press erinnern kann, die in der Szene nur die Press-Brothers geheißen wurden.

Ilona Gusenbauer ist nach dem Weltrekord auf dem Höhepunkt ihrer Popularität, sie wird Sportlerin des Jahres 1971, "in einer Zeit, in der es nur einen ersten Platz gab, egal ob Frau oder Mann". 1972 reist sie als Favoritin zu den Olympischen Spielen nach München und springt dort " meinen besten Wettkampf, weil er aus vielerlei Gründen mein schwierigster war". Gusenbauer erwischt einfach einen schlechten Tag, und sie wird mit einer deutschen Hoffnung konfrontiert, der erst 16-jährigen Ulrike Meyfarth. Während sich die Favoritin mit 1,88 Metern im dritten Versuch und Rang drei hinter der Bulgarin Jordanka Blagoeva bescheiden muss, überspringt Meyfarth mit der Gewissheit des Olympiasieges 1,92 Meter und stellt Gusenbauers Weltrekord ein - in der Flop-Technik, die vier Jahre zuvor in Mexiko-Stadt der US-Amerikaner Dick Fosbury vorgestellt hatte. "Die Typen, die den Flop gesprungen sind, waren für uns die Patscherten", sagt Ilona Gusenbauer, die ihrer schwierigeren, sogenannten Straddle-Technik treu geblieben war. Drei Wochen nach den Spielen entthront Blagoeva das Duo Meyfarth/Gusenbauer - 1,94 Meter.

"Ambivalente Gefühle"

Die Erinnerung an München verursacht Ilona Gusenbauer stets "ambivalente Gefühle", schließlich kam es am Morgen nach ihrem Wettkampf zum Terroranschlag auf die israelische Mannschaft. Viel lieber erinnert sie sich an die dem Sport geschuldeten Reisen mit ihrer Tochter, die ihr half, die Distanz zu wahren. "Der Sport wurde nie zum Beruf."

Ilona Gusenbauer, die ihre Karriere 1976 infolge eines Patellasehneneinrisses beendete, war zehnmal Hochsprungmeisterin und sechsmal Meisterin im Basketball mit Union Firestone Wien (später Bundesländer). Nach dem Sport wirkte sie in Hans Holdhaus' Institut für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung als Rezeptionistin, die " keine speziellen Kenntnisse, aber eine große Bandbreite von Ahnung" einbringen konnte.

Trainerin wollte sie nie werden, "weil ich viel zu viel von mir hergebe" . Was sie hat, investiert Ilona Gusenbauer, die seit Jahren von ihrem Ehemann getrennt lebt, lieber in ihre Malerei und in ihre beiden Enkelkinder: "Vor allem bin ich eine begeisterte Oma." Auch der Sport begeistert Österreichs bisher letzte Leichtathletikweltrekordlerin nach wie vor. Und Sportler, "bei denen man spürt, dass sie ihn gerne ausüben. Wenn das jemand vermitteln kann, dann hat er das Zeug zum Idol." (Sigi Lützow, DER STANDARD, 18.03.2013)

  • Eine 16-fache Meisterin: Ilona Gusenbauer.
    foto: lützow

    Eine 16-fache Meisterin: Ilona Gusenbauer.

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