Der neue Papst sucht die Nähe der Menschen

17. März 2013, 18:09
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Franziskus wünscht sich "eine Kirche der Armen für die Armen" - Rom rüstet sich für Massenansturm

Rom - Benedikt XVI. war ja noch vergleichsweise leicht zu handhaben: Der hatte sich immer geduldig den rigorosen Sicherheitsbestimmungen gefügt, die nach dem Attentat auf dessen Vorgänger Johannes Paul II. im Mai 1981 entwickelt worden waren.

Nicht so das neue Kirchenoberhaupt: Papst Franziskus bringt die peniblen Zeremonienmeister und die Sicherheitsleute des Vatikans schier zur Verzweiflung, indem er sich über Protokolle einfach hinwegsetzt und auf die Menschen zugeht - ganz, ganz nahe. Und sorgt damit für Begeisterung bei den Menschen.

Am Sonntag sorgte Jorge Mario Bergoglio für ein Novum: Er zelebrierte eine Messe in der Sankt-Anna-Kirche, die zwar innerhalb der vatikanischen Mauern liegt, aber allen Besuchern zugänglich ist. Anschließend stellte sich der Papst vor die Kirchentüre und begrüßte jeden Gläubigen persönlich. Viele umarmte und küsste er auf die Wange. Er unterhielt sich mit den Menschen, fragte Kinder nach dem Namen, schüttelte Hände und lächelte. Wie ein normaler Bürger stand der Papst im weißen Gewand inmitten der jubelnden Menge, ließ sich umarmen und fotografieren.

Bereits am Samstag hatte das neue Kirchenoberhaupt bei einer Audienz für die über 5000 akkreditierten Journalisten durch seine Bescheidenheit und Spontaneität beeindruckt: Er wünsche "eine Kirche der Armen für die Armen", erklärte der Papst und schilderte einige Episoden aus dem Konklave. "Als es für mich kritisch wurde und die Mehrheit von 77 Stimmen mit einem Applaus begrüßt wurde, hat mich der gut befreundete brasilianische Kardinal Claudio Hummes umarmt und geküsst und mich aufgefordert: 'Vergiss die Armen nie!'" Diese Mahnung werde ihn immer begleiten, sagte der Papst zu den zahlreich anwesenden Journalisten.

Dann ließ er einen blinden Radiojournalisten zu sich rufen, umarmte ihn, unterhielt sich lange mit ihm und streichelte seinen Blindenhund. Ältere Teilnehmer an dem Pressemeeting erinnerte die Einfachheit und Leutseligkeit des Argentiniers an Papst Johannes XXIII. (1958-1963).

Amtseinführung am Dienstag

Unterdessen rüstet sich Rom für den Massenansturm von Gläubigen zur offiziellen Amtseinführung am Petersplatz, zu der morgen, Dienstag, eine Million Menschen erwartet werden - darunter auch zahlreiche Regierungschefs und Staatspräsidenten. Österreich soll durch Bundeskanzler Werner Faymann und Außenminister Michael Spindelegger vertreten werden. Am Samstag trifft sich Franziskus dann mit seinem Vorgänger Benedikt XVI. zum Mittagessen. Bergoglio hatte den emeritierten Papst bereits wenige Minuten nach seiner Wahl angerufen und seinen Besuch angekündigt.

Ob Georg Gänswein, der Privatsekretär Ratzingers, auch als Präfekt des Päpstlichen Hauses im Amt bleibt, steht noch nicht fest. Franziskus hat jedenfalls alle ranghohen Kurienbeamten vorerst in ihren Ämtern bestätigt. Neubesetzungen will er erst in einigen Wochen vornehmen. Großes Interesse gilt dabei der Frage, wer Nachfolger von Staatssekretär Tarcisio Bertone wird. (mu, DER STANDARD, 18.3.2013)

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    Zehntausende kamen am Sonntag zum Petersplatz, um das erste Angelus-Gebet von Papst Franziskus zu erleben.

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