Wenn Catwoman auf die Buchmesse geht

17. März 2013, 17:59
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Kontinuität und Inszenierung in der Buchstadt Leipzig

Leipzig und Frankfurt am Main: Verschiedener als die Austragungsorte der beiden großen deutschsprachigen Buchmessen können zwei Städte kaum sein. Hier die hessische Wirtschaftsmetropole, Sitz der Deutschen Bank sowie der Europäischen Zentralbank, deren Neubau gerade für 1,2 Milliarden Euro nach Plänen von Coop Himmelb(l)au in ungeahnte Höhen strebt, während sich die Eintracht fußballerisch in den oberen Bundesliga-Tabellenregionen festsetzt.

Auf der andern Seite Leipzig, mit etwas mehr als einer halben Million Einwohnern die elftgrößte Stadt Deutschlands, vor der Wende ein bedeutendes Druck- und Verlagszentrum, heute ein wichtiger Automobil-Produktionsstandort (BMW, Porsche), dem Red Bull einen neuen Regionalliga-Club samt schmuckem Stadion schenkte.

Kür mit Publikumsnähe

Während die im Herbst stattfindende Messe in Frankfurt im Jahreskalender der Buchbranche für die Pflicht, das heißt: das Geschäft, reserviert ist, firmiert die Leipziger Buchmesse, die in den vergangenen vier Tagen von rund 168.000 Besuchern förmlich gestürmt wurde, eher für die Kür - und für Publikumsnähe. Früh schon setzte die Leipziger Messe, die heuer mit 2071 Ständen mit einer stabilen Ausstellerzahl bilanziert (2012: 2069), auf die überaus populär gewordenen Schwerpunkte für Comics und Mangas. Die nicht nur jungen Herrschaften, an die zehntausend sollen es sein, die in sperrigem Gewand, verkleidet als Catwoman, Revolverheld, Saloondame oder Hulk die vier Messehallen bevölkern, gehören ebenso zur Leipziger Messe wie die fast 3000 Autorenlesungen, mit denen die ganze Stadt bespielt wird.

Kraft durch Event-Marketing

Auch die Funktion eines Brückenkopfs in den Osten, die der Leipziger Messe von jeher besonders wichtig war, wird u. a. mit dem von Martin Pollack kuratierten "tranzyt"-Schwerpunkt für Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus konsequent weiterentwickelt und verbreitert.

Grundsätzlich wird man hingegen auch an der Leipziger Messe das Gefühl nicht los, dass die Tendenz der Branche, das Bücherlesen als Event zu inszenieren, zunimmt und sich die Aufmerksamkeit auf immer weniger Titel - vor allem prominenter Autoren - fokussiert. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels versucht mit neuen Zahlen zu beruhigen. Die gute Nachricht ist, dass der Buchmarkt leicht wächst; die lokalen Buchhändler aber leiden heftig unter dem Online-Handel.

In Leipzig wurde vom Börsenverein daher eine neue, auf einige Jahre angelegte Kampagne vorgestellt, die mit bedingt lustigen Plakaten ("Ich habe Sex on the beach gemacht - Auf Seite 17") versucht, dem Buchhandel eine Zielgruppe zu erschließen, die "weniger liest". "Vorsicht Buch" lautet das Motto der Kampagne. Klingt eher nach einer Drohung als nach einem Versprechen. (Stefan Gmünder aus Leipzig, DER STANDARD, 18.3.2013)

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