Der Papst und seine umstrittene Vergangenheit

Kolumne17. März 2013, 17:56
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Die Kritik an Bergoglios Umgang mit der argentinischen Junta wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf das Verhältnis zwischen Kirchen und Diktaturen

Papst Franziskus hat bei den Bemühungen, Vorwürfe zu entkräften, er habe in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit den Diktatur-Generälen Argentiniens kollaboriert, unerwartete Unterstützung erhalten. Leonardo Boff, der vom Vatikan mehrmals gemaßregelte brasilianische Theologe, und Adolfo Pérez Esquivel, argentinischer Friedensnobelpreisträger, haben Jorge Bergoglio entlastet. Der ehemalige Jesuiten-Provinzial sei nie "Komplize" gewesen.

Die nie wirklich entkräftete Kritik, Bergoglio habe zwei Jesuiten, die sich geweigert hatten, ihre oppositionelle Arbeit zu beenden, den Schutz entzogen und sie dadurch de facto der Diktatur-Justiz ausgeliefert, wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf das Verhältnis zwischen Kirchen und Diktaturen.

Südamerikas rechtsgerichtete Diktatoren, von Videla in Argentinien bis Pinochet in Chile, zeigten sich nicht nur als brave Messbesucher, sondern unterstützten auch die offizielle römische Linie in Moralfragen, nicht zuletzt in der Frage der Homosexualität.

Bei den kirchlichen Würdenträgern erzeugte das meist eine Beißhemmung, die sie in Menschenrechtsfragen angreifbar machte. Zumal sie versuchten, durch Geheimgespräche Ärgeres als Folter zu verhindern.

Wer offen opponierte, die Vorgänge beim Namen nannte, wurde eliminiert. Óscar Romero, der theologisch konservative Erzbischof von San Salvador, wurde im März 1980 auf Befehl des rechtsgerichteten Geheimdienstchefs Roberto D'Aubuisson in seiner Kapelle ermordet. Ein blutiger Bürgerkrieg folgte. D'Aubuisson und seine Partei regierten das Land ab 1989 zehn Jahre lang.

Die konservativen bis fundamentalistischen Lehrmeinungen von Bischöfen wie Bergoglio stehen in Opposition zu sozialdemokratischen, liberalen und linkskatholischen Ansichten. Zwischen dem Erzbischof von Buenos Aires und dem Präsidentenpaar Kirchner gab es daher bestenfalls eine distanzierte Koexistenz. Pille, Homoehe, Abtreibung - alles Themen, die von der Linken positiv, von der Rechten und den (meist italienisch-stämmigen) Bischöfen negativ gesehen wurden und werden. In den Worten des Papstes: Sie "sind des Teufels".

Was natürlich auch die Beantwortung der Frage nahelegt: Sind das ungeborene Leben und dessen Schutz mehr wert als die Verteidigung des geborenen Lebens?

Ein Film mit dem Titel Der Jesuit wäre ein spannendes Unterfangen: Im Zentrum das Verhältnis zwischen dem jungen Jesuiten-Provinzial Jorge Bergoglio und den Putschisten-Generälen Videla und Massera (den Bergoglio angeblich zweimal traf) zwischen 1976 und 1978, dem Jahr der Fußball-WM in Argentinien.

Der noch lebende der beiden damals verschleppten und auf Intervention Bergoglios wieder freigelassene Jesuit müsste ebenso als Zeuge zur Verfügung stehen wie der neue Papst selbst. Ein Ding der Unmöglichkeit vielleicht.

Andererseits aber im Falle einer Verwirklichung eine Revolution im Verhältnis zwischen dem Papsttum und der Weltöffentlichkeit. Es wäre ein Akt der Aufklärung. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 18.3.2013)

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