Heißhunger auf wendige Filme

17. März 2013, 17:52
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Die Diagonale 2013 gab mit starken Debüts und Filmexperimenten Anlass zu Optimismus

Um diese Bandbreite heimischen Filmschaffens weiter zu garantieren, sind kulturpolitische Maßnahmen vonnöten.

Graz - Lawinenhafte Siege gibt es auf dem Festival des österreichischen Films sonst selten - bei der Preisaufteilung wird üblicherweise auf Pluralität geachtet. Bernadette Weigels dokumentarischer Essay Fahrtwind - Aufzeichnungen einer Reisenden gewann Samstagabend jedoch gleich in allen vier möglichen Kategorien (Bester Film, Schnitt, Kamera, Ton). Damit wollte die Jury eindeutig ein Zeichen setzen: für einen kleinen Film, der mit geringen Fördermitteln einer entschieden persönlichen Vision folgt.

Weigels Film ist das visuelle Tagebuch einer Reise, von der zunächst nur die Richtung feststeht. Mit dem Schiff geht es auf der Donau gen Osten, nach Bulgarien, und von dort, über Rumänien und die Ukraine, immer weiter ohne Ziel, bis sich der Orient auftut. Weigel, von der nur flüchtige Reflexionen oder ihre Füße zu sehen sind, hält sich vor allem über ihren aufmerksamen, neugierigen Blick präsent.

Die Filmemacherin kommt ohne thematische Engführungen aus, konzentriert sich aufs Hinschauen, verdichtet mitunter Impressionen über die Montage - wie alte und neue Bauten in Bukarest. Das vielleicht Schönste an diesem freien, auf Super 8 gedrehten Film ist seine innere Notwendigkeit: das Auffinden und zeitliche Bannen von Bildern. Wie jenes einer Gruppe tanzender Senioren auf einem Platz oder jenes von an einem Glockenseil schwebenden Nonnen.

Weigel, Studentin an der Wiener Filmakademie, war nicht die einzige Hoffnungsträgerin dieser Diagonale. Bei den Spielfilmen konnte man mit Daniel Hoesls schon international erfolgreichem Debüt Soldate Jeannette einen originellen, verkorkst-ironischen Film über eine Frau erleben, die sich nichts und niemandem gegenüber mehr verpflichtet fühlt. Die Darstellerin Johanna Orsini-Rosenberg wurde dafür ausgezeichnet. Auch der Hauptpreis für den besten Spielfilm ging mit Rainer Frimmels und Tizza Covis Der Glanz des Tages erfreulicherweise an ein Stück Kino ohne Anpassungsdruck. Sie entwickeln ihr Spiel um Identitäten mit Figuren wie einem Theaterschauspieler (Philipp Hochmair), einem Zirkusartisten (Walter Saabel) und einer Flüchtlingsfamilie.

Nicht nur die Preise unterstreichen die Bedeutung eines Festivals, das sich an der Blickerweiterung statt am Erfolgsschielen versucht. In Norbert Pfaffenbichlers A Messenger from the Shadows, einer stupenden Hommage auf Lon Chaney, reicht dieser Blick zurück in die 1920er-Jahre. Der Stummfilmgroßmeister des grotesken Körpers wird zum umheimlichen Double seiner selbst, ein Agent der Verrenkungen des Kinos. Eine Tradition, die auch Mara Mattuschkas und Chris Harings Film Perfect Garden aufgreift, in dem sich Menschenkörper im Heißhunger und anderen Ekstasen wie Aliens winden.

Gefährdetes Filmschaffen

Diese Vielfalt ist aber weiterhin gefährdet, zeigt eine neue, auf dem Festival präsentierte Erhebung in Sachen österreichweiter Filmförderung. Als Konsequenz daraus wird beispielsweise eine Zweckbindung der (weiterzuführenden) Gebührenrefundierung an den ORF gefordert, der laut Studie 2011 keinen einzigen Experimental-, Kurz- oder Animationsfilm mitfinanziert hat. Weiters sei eine Aufstockung der Budgets der Filmabteilungen der Stadt Wien und des BMUKK unumgänglich.

Vor allem Letztere spielt eine zentrale Rolle für die Vielfalt der Filmlandschaft. Das spiegelte sich am Ende auch in den Juryentscheidungen: Acht von insgesamt 14 ausgezeichneten Produktionen wurden von der Abteilung Film (mit)finanziert.

Der Preis für innovatives Kino ging an die Experimentalfilmerin Michaela Grill, der die Diagonale auch eine Personale widmete. Grills jüngstes Werk, Forêt d'expérimentation, ist ihr erstes im High-Definition-Format, eine Montage von digital bearbeiteten Aufnahmen aus dem kanadischen Urwald: ein schräger Naturfilm - die bis dato "naturalistischste" und bunteste Arbeit der Künstlerin.

Grills Filme sind wortlose, aber umso intensiver klingende Auseinandersetzungen mit dem Bewegtbild. Der Sound entsteht in enger Kooperation mit Musikern. In Graz konnte man das auch in einer berückenden Live-Performance erleben. Nicht nur dabei war der Saal dicht gefüllt: Dass es für all diese gerne als "schwierig" bezeichneten Arbeiten ein Publikum gibt, zeigt auch ein neuer Höchststand von rund 25.000 Diagonale-Besuchern. (Dominik Kamalzadeh und Isabella Reicher, DER STANDARD, 18.3.2013)

  • Exkursion in den Bilderwald: Michaela Grills Film "Forêt d' expérimentation" erhielt den Preis für innovatives Kino.
    foto: sixpack

    Exkursion in den Bilderwald: Michaela Grills Film "Forêt d' expérimentation" erhielt den Preis für innovatives Kino.

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