Im blutleeren Schlachthaus der Atridenfamilie

17. März 2013, 18:31
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Wuchtig, didaktisch: Anna Badora inszeniert "Klytaimnestra" am Schauspielhaus Graz

Graz - Die Zeiten des Blutlachen-theaters sind vorbei. Selbst in einem Drama über das heftig mordende Geschlecht der Atriden fällt am Grazer Schauspielhaus kein Tröpfchen. Die silbrig blinkende, edle Axt, mit der in Graz Klytaimnestra (Steffi Krautz) ihren Gatten Agamemnon (Stefan Suske) tötet, blitzt nach der Tat sauber und hell, als hätte sie ein Juwelier gerade frisch poliert.

Klytaimnestra, Premiere war am Freitagabend, ist ein nach Aischylos' Orestie neu kompiliertes Drama, das die Königin von Argos und ihre ermordeten wie mordenden Kinder ins Zentrum rückt. Hat ihr Gatte zwecks günstiger Winde im Trojanischen Krieg ihrer beider Tochter Iphigenie geopfert, so wartet die Mutter auf den Kriegsheimkehrer nach zehn Jahren mit geschliffenem Beil. Ihre verbliebenen Kinder Elektra und Orest werden diese Rachetat - es ist leicht zu erraten - nicht dulden und metzeln in der Folge die Mutter samt ihrem Liebhaber Ägist.

Um Peter Steins Prosafassung hat Regisseurin Anna Badora Texte von Euripides, Homer, Christine Brückner, Michael Köhlmeier und Christa Wolf geordnet, die einigermaßen gut zueinanderfinden und insgesamt eine überraschend handliche neue Coverversion des alten Mythos ergeben. Darin stiehlt niemand den Frauenfiguren die Show. Sie sind die Heldinnen, die 1a-Mannschaft, die Powerfrauen einer allerdings eher langatmigen und schulmeisterlich aufbereiteten Inszenierung.

Furchtlose Familiensoldatin

Klytaimnestra & Co gebärden sich als die entschlossensten Kriegerinnen. Sie erheben sich mutig als Gefangene im Trojanischen Krieg (Martina Krauel als Hekabe) oder als furchtlose Familiensoldatin (Pia Luise Händler als Elektra). Die Seherin Kassandra (Katharina Klar) straft diese Gesellschaft mit den am schärfsten stechenden Blicken. Das sind keine Frauen aus Fleisch und Blut, die vielleicht hie und da ein kleines Bier trinken, nein, sie verkörpern vielmehr Prinzipien, die unabwendbar für sich einstehen.

Von dieser Wucht abgesehen geht die Inszenierung allerdings recht didaktisch vor. Man kann sie als veranschaulichenden Appendix zum Mythologie-Unterricht empfehlen. Denn als Experte für die Sagen des klassischen Altertums grüßt Schriftsteller Michael Köhlmeier immer wieder als Projektion von der Wellblechfront des Palastes (Bühne: Raimund Orfeo Voigt) und gibt Hintergrundinfo zum Trojanischen Krieg oder einzelnen Figuren, die üblicherweise im Programmheft stehen. Das irritiert, denn sein nunmehr riesenhaftes Konterfei hat mit der Inszenierung nichts zu tun.

Und wenn er sich später im Zwiegespräch mit Klytaimnestra zeigt, so suggeriert das eine heutige Nähe zu den mythologischen Figuren, die es gar nicht geben kann. Das gesteht die Inszenierung dann auch ein: Der dumme Tropf Ägist (formidabel: Jan Thümer) lehnt genervt jeden Kontakt zu Herrn Köhlmeier ab: "Ach, hör doch auf!" (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 18.3.2013)

Bis 25. 5.

  • Kampfbereit: Pia Luise Händler, Katharina Klar (li.).
    foto: lupi spuma

    Kampfbereit: Pia Luise Händler, Katharina Klar (li.).

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